Das lieben wir an der britischen Jazzpublizistik: sie bemüht sich um Belege für ihre Hypothesen.
Ein Richard Williams tut das, ein Alyn Shipton, ein Stuart Nicholson geradezu raumgreifend (dass man seine Belege gelegentlich für wenig belastbar halten mag, steht auf einem anderen Blatt).
Der deutschen Jazzpublizistik ist die darin vermittelte Rundumsicht weitgehend fremd -
mit Ausnahme der Berliner Jazz-Manufaktur. Ihre bevorzugte Denkfigur ist die des Spring-Ins-Feld, im jüngsten Falle die Blutgrätsche.
Das verwundert kaum, denn die Produkte dieser Manufaktur fliegen wie vom Fließband in Programmhefte, Magazine, Radiosendungen, und erneut in den Blog des Moers Festivals.
Mit Wo ist der amerikanische Jazz? startet dort die neue Reihe „Hide & Seek“.
Sie ruft so starke Kopfschmerzen hervor, dass man die beiden kommenden Ausgaben nur in Reichweite einer Kurpackung Aspirin angehen möchte.
Ja, wo ist der amerikanische Jazz? Wo ist er geblieben?
Die Frage mag in Mauretanien, Syrien oder auf den Oster Inseln ihre Berechtigung haben, aber in Deutschland? In Moers?
Wer im Archiv des Festivals blättert, kann nur einen sehr orts- und sehr genre-fremden Hacker hinter dem Aberwitz der Frage vermuten.
Wie sonst könnte er auf die verwegene These kommen:
„Gab es früher ein Überangebot an amerikanischem Jazz, ist er in Deutschland mittlerweile nahezu aus der Live-, Markt- und Medien-Wirklichkeit verschwunden.“
Aber, wo ist er hin, der amerikanische Jazz?
Wer hat seinen Platz eingenommen?
„Jazz-Absolventen aus München, Berlin oder Leipzig, die im Studio eine halbwegs respektable Produktion abgeliefert haben, findet man schon schnell mal auf den Hauptbühnen der großen Festivals.“
Und jetzt fragen Sie: was´n das für´n Satz?
Ich bitte Sie! Sie haben ein Produkt der Berliner Jazz-Manufaktur gelesen!
Was wollen Sie da erwarten?

erstellt: 17.04.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten

Nachtrag 24.04.15: Die Berliner Jazzmanufaktur wird bei der Messe jazzahead mit dem "Preis für deutschen Jazzjournalismus" (der Dr. E.A. Langer-Stiftung, Hamburg) ausgezeichnet. Die Begründung der Jury liest sich wie von einem anderen Stern:
"Credo ist die Offenheit des aufmerksamen Intellekts, seine Leidenschaft die Kunst, die Menschlichkeit generiert. Damit gehört er zu den Autoren, die dem Journalismus wie auch dem Jazz helfen, auf oberstem Niveau zu agieren."