Das SZ-Magazin (7.11.2014) fragt Peter Sloterdijk:
„Muss ein deutscher Professor das Feuilleton der Zeit lesen?“
Das Karlsruher Superhirn erkennt sogleich den Trampolincharakter der Frage und nutzt sie zu einem majestätischen jump off:
„Früher ja. Heute ist es wegen der Anbiederung an die Massenkultur fast unbrauchbar geworden. Ich profitiere mehr vom Reizklima der Kunstuniversität, die ich leite. Fast jeden Tag  kommen zwei, drei Kollegen zu mir nach Hause und werden, wenn sie nett sind, von mir bekocht. Ihre Gastgeschenke bestehen in dem, was sie gerade im Kopf haben. Neben den Karlsruher Tischgesprächen klingt das Zeit-Feuilleton wie eine Schülerzeitung.“
So weit so Sloterdijk.
Ein Blick in die jüngste Ausgabe der Zeit (13.11.) rückt die Abgehobenheit des Professors freilich in die Nähe nachvollziehbarer Wertung; zum 50. Jazzfest Berlin schickt das Blatt nicht seinen erfahrenen Jazzkritiker Stefan Hentz, sondern den Theaterkritiker Peter Kümmel.
Und der kehrt aus der Hauptstadt nicht zurück mit einer Rezension aus geschichtsträchtigem Anlass, sondern mit einem Hofbericht aus dem Hotelzimmer des in Berlin auftretenden Archie Shepp, „ein Freiheitskämpfer, wie es keinen zweiten gibt“ (schade, dass Nelson Mandela das nicht mehr hören kann), zum Ende des Artikels erst wird diese Flammenschrift ein wenig relativiert: „Ein Freiheitskämpfer, wie es in der Musik keinen zweiten gibt“.
Zuvor wurden dem Saxophonisten (über dessen spezielle Kunst man, wie üblich, nichts erfährt) sämtliche Klischees vorgelegt, beginnend mit seiner angeblich „tendenziell paradoxen Existenz“, die ihn „meist mit bürgerlichen Publikum“ in Kontakt bringe, wo er doch „ein wütender junger Mann, ein Pionier des Free Jazz“ gewesen sei, der sein Horn als „Maschinengewehr des Vietcong“ bezeichnet habe.
(Es ist nicht überliefert, ob der General Giap diese Waffe seinerzeit vor Da Nang eingesetzt hat.)
Shepp retourniert die wohlfeile Vorlage durch Hinweise, wo er, trotz aller Wut, sich seinerzeit nicht organisiert habe und bittet an den reich gedeckten Stammtisch afro-amerikanischer Jazz-Mythen. Neben platten Erklärungen der Weltlage liegt dort stets bereit der Hieb auf HipHop und Rap:
„Jay Z hat keine Ahnung von John Coltrane oder Duke Ellington...“, das Image Jazz pardon, African American Music, muss sauber bleiben.
Wie man in den Wald hineinruft, so shepp´ert es heraus.

erstellt: 14.11.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten