Wir haben keinen Grund, hochmütig zu sein. Auch unsere Qualitätspresse winkt gelegentlich Auffassungen durch, die von einer beträchtlichen Ahnungslosigkeit künden. Ahnungslosigkeit, aber nicht Ignoranz, wie sie jetzt die Washington Post durchlässt.
Remember, Washington Post, das war 1972 das Forum für die Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein - seit 2013 gehört sie Jeff Bezos (Amazon).
Ob es einen Zusammenhang gibt mit dem Ausraster, den sich die Post am 8.8.14 leistet, mag Verschwörungstheoretiker beschäftigen.
Jedenfalls lässt Justin Moyer an jenem Tag auf der Meinungsseite den Stammtisch Platz nehmen:
"All that jazz isn´t all that great". Dieser ganze Jazz ist nun wirklich nicht so doll.
Geht in Ordnung. Sowieso. Genau. (E. Henscheid).
So What (M. Davis)
Diese Auffassung kennen wir. Wir selbst haben sie auch - gegenüber anderen Gattungen, z.B. X und Y. Und ganz besonders Z!
Aber würden wir das ´rausposaunen? Hier, oder in einem sogenannten Qualitätsblatt?
Was kümmert´s den Mond, wenn der Hund ihn anbellt?
Moyer´s "Argumentation" verläuft z.B. so; These Nr. 1 "Jazz übernimmt große Songs - lässt aber die Texte weg, die zu ihrer Größe beigetragen haben".
Er ist hingerissen von Duke Ellington´s Version aus dem Film "Reveille with Beverly" (1943), die 14 Worte aus diesem Song etablierten ihn "als afro-amerikanische Hymne".
Aber was machen Charlie (er schreibt nicht Charles) Charlie Mingus und Eric Dolphy 20 Jahre später daraus?
Sie brauchen 13 Minuten (statt 3) und ersetzen den Text durch ein "atonales Baßklarinetten-Solo".
Aber Achtung, Moyer ist kein Kostverächter: "Ich  selbst spiele Baßklarinette, und ich mag atonale Baßklarinetten-Soli. Aber ich würde sie nie und nimmer für einen legendären amerikanischen Songtext eintauschen."
Wer will das wissen?
Die große Washington Post hat einen Artikel veröffentlicht, der in der Journalistenwelt zur Kategorie gehört "Hund beisst Mann".
Und jetzt warten wir auf den Redakteur, der an selbiger Stelle die Traute hat zu sagen:
Ich scheisse auf Elliott Carter. Und John Cage.

erstellt: 13.08.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten