Improvisation, so klagen die avancierten Kader, ist ein Mythos, an dessen Fortleben viele Musiker Interesse haben, weil er ihnen frei Haus einen positiven Wert liefert. In unseren Kreisen kommt Improvisation irjenswie besser an als Komposition. Wer improvisiert, macht erst mal was richtig.
Was ihnen missfällt, ist nicht der Begriff selbst, insoweit er klar auf Konzepte & Techniken der Improvisation sich bezieht, sondern die gedanklichen Nebelkerzen, die sich daran zuverlässig entzünden - von Keith Jarrett, der laut FAZ meint, nackt sein zu müssen, wenn er ans Klavier gehe, bis zu Spiegel Online, wo ein Autor ausser sich ist über einen Film auf ARTE, anlässlich des 80. Geburtstages von Wayne Shorter:
"Zu sehen und hören sind vier Musiker, die vollkommen ohne Konzept auf die Bühne gehen, die jede Note improvisieren, die sich wie in einem spirituellen Tanz dem Motiv des Songs nähern."
Wohlgemerkt, die Mitglieder des Shorter Quartetts tun dies seit über 10 Jahren, sie gehen seit über 10 Jahren "vollkommen ohne Konzept auf die Bühne".
Der Anstoss zu diesem Gedanken-Narkotikum geht nicht mal von den Musikern aus:
"Wir hören ein Lied bevor es beginnt zu existieren", fasst Wayne Shorter vollkommen zutreffend den Erfahrungsschatz seiner Truppe zusammen - und SPO schlägt folgende Kapriole daraus:
"´Wir hören ein Lied bevor es beginnt zu existieren´, sagt Shorter, als die Vier die Komposition ´Lotus´ anstimmen."
Ohne Konzept eine Komposition anstimmen - ist das ein Fall für Markus Gabriel oder eine Übung für die Klappsmühle?

erstellt: 25.08.13
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