Ein schönes Stückchen Jazzideologie finden wir heute, mal wieder, in der SZ.
Zuerst dachten wir: ein verschollenes Interview mit Ernest Hemingway (1988-1961), so sehr sieht der Interviewte dem Literatur-Nobelpreisträger ähnlich.
Aber nein, es handelt sich um Peter Brötzmann, 72.
Frontal-physiognomisch ist er dem Literaturkämpen überraschend nahe gerückt, an Lebensjahren hat er ihn überrundet - und bekanntlich ist er immer auch für Worte gut, die zu einem grimmigen Gesichtsausdruck nicht allzu sehr in Kontrast stehen.
„Freiheit macht arm“; Brötzmann wird diesmal nicht zu musikalischen Fragen interviewt, sondern zu materiellen Aspekten des Jazzmusiker-Lebens. Die Fragen sind so gehalten, dass sie Brötzmann geradezu ein Trampolin bieten, in grossem Stile den outcast zu geben. Das kennen wir, das lesen wir gerne.
Was hält Brötzmann von Forderungen nach Mindestgagen und mehr Subventionen?
Na was wohl? Jungen Musikern, die „irgendeine ´Sicherheit´“ verlangen, schleudert er entgegen: „Dann schliesst euch doch bitte dem nächsten Tanzorchester an!“
Und dann folgt die Sprungfeder für die ganz grosse Luftnummer:
„Warum sind Sie kein Freund des Modells ´Jazzmusiker mit Pensionsanspruch´?“
Wir wollen annehmen, dass der fragende Kollege hier nicht unnötig zwischen Pension und Rente differenzieren wollte. Pension setzt den Beamtenstatus voraus, und über den verfügen nicht mal die Mitglieder - sagen wir - der WDR Big Band, ganz zu schweigen von denen jener „Tanzorchester“.
Und jetzt fliegt Brötzmann davon: wer sich als Künstler bewegen möchte, sei „notwendigerweise...auf Distanz“ zur Gesellschaft. „Von der Gesellschaft aber, die einem entweder egal ist oder gegen man sogar künstlerisch angeht, kann man doch nicht verlangen, dass sie einem den Lebensabend bezahlt! So geht das nicht.“
Schuften bis man ihn mit den Füssen voran wegträgt, am besten von der Bühne - so soll er sein, unser Jazzmusiker. Diese Freiheit lässt er sich wirklich was kosten.
Man möchte man liebsten in Willemshaven anrufen, bei der Künstlersozialkasse, ob da nicht auch ein „Brötzmann, Peter, Wuppertal“ geführt wird. Schön blöd, wenn er da nicht Mitglied wäre (bzw. gewesen wäre, er hat die 65 ja überschritten). Seit 1983 finanziert diese segensreiche Einrichtung Künstlern (in- und ausserhalb der Gesellschaft, da kennt sie kein pardon) die Hälfte ihrer Abgaben zur Sozialversicherung, also auch zur späteren Rente.
Wenn einem jedem Bürger ein solcher Anspruch zugestanden wird, Jazzideologen inklusive, warum sollte er für Jazzmusiker uncool sein?
Rente für Jazzmusiker? Yes, Sir! Wie asozial wären wir denn?

erstellt: 03.09.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten