FreeJazz als politischer Protest, das ist eine gut gehütete Denkfigur in unserer kleinen Welt, noch so viele Interviews von Christian Broecking - richtig gelesen! - haben sie nicht eliminieren können. Auch Reinhard Karger pflegt sie. Karger ist der Nachnachnachfolger von JEB auf dem Posten des SWR-Jazzredakteurs.
"Ich denke, dass der gesamte Bereich des Free Jazz nur deshalb eine so hohe Akzeptanz hatte, weil es eine Ausdrucksform sozialen Protestes war." (im Gespräch mit Nina Polaschegg in NzfM, 5/05).
Wer die entsprechende Phase der Geschichte live hat erleben dürfen, ist verblüfft ob der "hohen Akzeptanz", die der Dr. Karger beobachtet haben will. Ist uns da etwas entgangen? Haben wir die Zeitläufte verschlafen?
Karger gibt eine präzise Referenz für seine Aussage: "Das konnte man in Ost-Deutschland oder auch in Ungarn besonders gut beobachten. Kaum war das Regime weg, blieb das Publikum aus."
Nun steigert sich die Verblüffung expontentiell. Zu den vielen Ursachen, die sich zur Erklärung anbieten, gehört nicht als schlechteste die, dass die Gumperts & Petrowskys demnach nichts weiter waren als Honeckers nützliche Idioten.
"Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf". Ja, so dumm war der Mann gar nicht...wenn er doch mit FreeJazz ein so tolles Ventil zugelassen hat.
Die Tonika von Karger´s Erklärung lautet übrigens: "Free Jazz ist heute eine Musik für Minderheiten."
Wenn uns nicht alles täuscht, war sie das schon immer.



©Michael Rüsenberg, 2005. Nachdruck verboten