Was für ein Wochenende! Die Jazzpolizei fordert Verstärkung an, soviel Jazz in den Medien!
Keith Jarrett 60. Der aufmerksame Bürger Heini W. aus D. schickt ein ganzes Dossier (obwohl, so schlimm ist das doch gar nicht; vor allem nicht das Bieler Tagblatt mit einer Umfrage unter Schweizer JazzmusikerInnen. Ja, ganz peinlich Irene Schweizer: "Die Grande Dame des europäischen Free Jazz hat sich nie intensiv mit Jarrett befasst", sie wurde viel mehr von Paul Bley inspiriert, weiss aber trotzdem: "Der geht in seiner Musik weiter als Jarrett.")
Die
Welt am Sonntag droht ein Gespräch mit Herbie Hancock an über "Jazzlegenden und Ehrlichkeit". Es startet schonungslos: "Warum haben Sie sich den Schnurrbart abrasiert?" Zweite Frage: "Warum haben Sie aufgehört?" (mit dem Trinken). Weiter im Text: "Wie erklären Sie sich, daß der Jazz als Genre heute so gut wie tot ist?" Hancock: "Keine Ahnung, warum der Jazz heute nicht mehr qualmt. Ich kann nur für mich sprechen."
Ja, der Herbie, kriegt nix mit, kann immer nur für sich sprechen, selbst wenn er über Reality Shows klagt, in denen Menschen für viel Geld "entwürdigende Dinge" tun: "Dabei geht es doch eigentlich um Dinge, die man nicht kaufen kann. Wenn ich alles verlieren würde im Leben, könnte ich nach wie vor Klavier spielen. Und keiner kann mir wegnehmen, daß ich Stücke wie "Little One" oder später "Rockit!" geschrieben habe."
Da schau´ her, soviel Ehrlichkeit, ist das nicht ganz a lieber Kerl?
Aber, warum korrigiert der Mann, der nur für sich selbst sprechen kann, den Fragesteller nicht, als der ihn anhimmelt, sein "Mwandishi Quartet" gelte "als Vorbote der elektronischen Musik der neunziger Jahre?"
Hancock: "... das Mwandishi Quartet war finanziell eine mittlere Katastrophe."
War er damals so gut abgefüllt, dass ihm entgangen ist, mit einem
Sextett gespielt zu haben haben? Oder hat der Fragesteller Max Dax (?) es mit den Antworten nicht so genau genommen?
Cream in London, nach fast 40 Jahren ein Reunion-Konzert in der Royal Albert Hall, für einen guten Reporter eine Gelegenheit, als würden Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen, "das erste Jahrtausend-Konzert der Methusalem-Generation". Genau.
Matthias Matussek, Spiegel-Mann in London, ist es gelungen, "für einige Tonnen Gold zwei Karten zu fischen". An Vorfreude & Begeisterung vor Ort lässt er uns teilhaben, sehr schön, man kann neidisch werden.
Nur mit der Musik hat er es nicht so. "Sunshine of your Love" ist ein Blues, yes Sir. Aber ist
Ginger Baker der Mann, "der das Trommel-Solo erfand"? Jack Bruce, jawohl, kann "wunderbare Melodien und witzige Texte schreiben" - aber "Born under a bad sign" ist und bleibt von Booker T. Jones, das kann auch Herbie Hancock ihm nicht nehmen. Und die witzigen Texte von Jack Bruce, die stamm(t)en meist von Pete Brown - dem Mann, der in den sixties mal mit der Klobürste gewunken hat, ein ganz wilder Gesell´...Chance versemmelt!



©Michael Rüsenberg, 2005. Nachdruck verboten