Das Branford Marsalis Quartet, etwas vom Feinsten, was der Jazz gegenwärtig zu bieten hat, kommt so recht nicht aus den Puschen. Das war in der Kölner Philharmonie so, und gleichfalls in der Alten Oper zu Frankfurt am Main: zunächst präludiert Joey Calderazzo solo, 20 Minuten, die weniger als Improvisation denn als öffentliche Etüde durchgehen. Dann wird sein Flügel in eine andere Position geschoben, Calderazzo kehrt zurück mit dem grossen Rest der Band. Und weil diese den soundcheck nicht selbst besorgt hat, sind allerlei kleine Handgriffe nötig, um die richtige Spielordnung herzustellen - ein showstopper sondergleichen.
Es geht los, aber es dauert lange, bis das Brandford Marsalis Quartet bei sich selbst angelangt ist. "Etwa bis zwanzig Minuten nach neun dauerte der Spuk", wie
Wolfgang Sandner in der FAZ nachrechnet. Dann machen die vier das, wofür sie zusammen berühmt sind - und erreichen trotzdem nicht den Grad der Interaktion, wie er auf der neuen DVD "A Love Supreme Live" dokumentiert ist.
Der FAZ-Mann ist sauer und nimmt sich den Bandleader direkt vor: "
Branford Marsalis, mal herhören! Dies ist nicht Chattanooga, Tennesse. Das ist Frankfurt am Main, die Heimat von Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer und des ältesten Jazzfestivals der Welt. Und dies ist die Alte Oper Frankfurt, wo schon Miles Davis gespielt hat, Don Cherry und der wunderbare Keith Jarrett. Hier weiß man, was ´Groove´ ist und was nicht. Und den Begriff ´commercial´ kennt man hier auch."
Mag sein, dass
BM, sollte ihm eine Übersetzung der Kritik zu Ohren kommen, wenigstens mit einer Wimper zuckt. Grosse Reue aber hätte bei ihm ausgelöst, wäre Sandner irjenswie die Kurve zu Gustav Mahler geglückt.
"Gustav" mag er über alles.


©Michael Rüsenberg, 2004. Nachdruck verboten