Klagen ist der Gruss des Kaufmanns. Der Gruss unter Jazz-Eingeweihten nährte sich jahrelang aus der Kritik an der Jazz-Definition von Joachim Ernst Berendt.

Herrliche Zeiten!
Berendt und seine zahllosen Opponenten hatten das alles wirklich gehört, was sie für ihre jeweilige Jazz-Definition ins Feld führten. Sie rieben sich auf für eine
musikalische Definition des Jazz.
Die ist heute gar nicht mehr nötig. Der
Tagesspiegel (4.11.04) präsentiert unter "Prozess oder Produkt: Wer weiß noch, was Jazz ist? Ein(en) Definitionsversuch" von Diedrich Diederichsen. Der Mann kann dem "Spex"-Feld offenbar nichts mehr abgewinnen, seit geraumer Zeit wildert er im Film...und im Jazz.
Ausgestattet mit einem Professoren-Titel der Maerz-Akademie (oder Merz?) hat DD das Proseminar gleichwohl nie verlassen.
"Kulturelle Identität aus Musik abzuleiten ist aber noch prekärer als es das Konzept der Identität als Surrogat für politischen Einfluss allein." Jeder Lehrbeauftrage würde hier ein
zweites Verb einfordern (oder hat es der Tagesspiegel-Drucker entwendet?), um den Satz auf eine Tonika zu bringen, damit ihm wenigstens die äussere Gestalt einer Aussage zukommt.
Wes´ Inhaltes? Ist eh wurscht, bei DD hagelt es an kaum, schlecht oder gar nicht begründeten Aussagen.
Dass das
Publikum des Jazz "zu alt" sei, findet er so schlimm nicht: "Problematisch ist vielmehr, dass sie (Anm: die Jazzfans) Jazz als die Musik ihrer Jugend hören und musikalische und soziale Veränderungen nur akzeptieren wollen, wenn sie sich mi den Begriffen und Bildern dieser Jugend erklären lassen."
Unterstellt, dieser
Teebeutel Adorno träfe zu - warum sind davon die Anhänger anderer Musikgattungen ausgenommen?
"Komponierte Musik basiert auf einem schriftlichen Plan." In etwa, Herr Professor. "Popmusik basiert auf einem Produkt rund um einen Tonträger." Mhm. "Jazz ist dagegen etwas Drittes, nämlich Musik, die auf dem Geschehen an einem
recording date basiert." Ach ja? "Auch wenn es zwischen den Kategorien Überschneidungen gibt, etwa dass zu einer Session Noten mitgebracht werden."
Stimmt das? Hat man je erlebt, dass zu einer Jazzaufnahme jemand mit Noten erschienen ist?
Müssen wir weiterlesen?
Unbedingt. Es winkt noch ein
Teebeutelchen Adorno. DD erkennt den Wert des Jazz "als die einzige prozessuale Kunstform, die eine Tradition entwickelt hat. Die künstlerischen Techniken der Prozessualität kommen aus sozialen Techniken."
Na bitte, so schön (falsch) hat das lange, lange keiner mehr gesagt. Und wenn wir es jetzt noch schön glauben, dann winkt als Prämie ein
Adorno mal Berendt im Quadrat: Jazz als "Sound einer kommenden Demokratie."
Diedrich Diederichsen ist also doch einer von uns. Willkommen im Club.


©Michael Rüsenberg, 2004. Nachdruck verboten