Milford Graves, 63, Veteran des FreeJazz aus Zeiten mit Albert Ayler und Paul Bley, ist als Schlagzeuger nur selten noch zu sehen.
Die eine Hälfte der Woche verbringt er am Bennington College in
Vermont, wo er seit 31 Jahren eine Professur hält, die andere Hälfte ist er daheim in South Jamaica, einem Teil des New Yorker Bezirks Queens, wo junge Kerle mit Pitbulls das Strassenbild prägen.
In beiden Fällen ist er in Sachen "holistisches Heilen" unterwegs; in Bennington lehrt er Musikheilen und Jazz-Improvisation, in Queens hantiert er mit Stethoskopen und Computern. Graves hat Programme entwickelt, die die Rhythmen und Frequenzen der Herztöne analysieren.
"Ein gesundes Herz hat feste, geschmeidige Wände. Sein Sound fliesst leicht dahin", sagt er der
New York Times. "Ein ungesundes Herz hat steife und spröde Muskeln. Es verfügt über weniger Geschmeidigkeit, seine Tonhöhe kann bis zu drei Oktaven über normal liegen."
Graves meint erkennen zu können, "ja, das klingt nach einem
Problem im rechten Atrium!"
Mehrere Ärzte finden den Graves-Ansatz plausibel, wollen aber - logo - die medizinische Therapie dadurch nicht ersetzen. Denn Milford Graves tut einen Schritt, ganz nach dem gusto von
Joachim Ernst Berendt: er beurteilt das Herz nach musikalischen Kriterien, die vier Herzkammern klingen für ihn "wie ein vierstimmiger Akkord".
Wer sich mit krankem Herzen, vulgo falschem Rhythmus in seine Hände begibt, dem spielt Graves via Lautsprecher oder Akupunktur-Vibration den "richtigen" Rhythmus vor.
John Zorn (hat mit Graves gerade ein Album veröffentlicht) lässt sich gerne zitieren, Milford Graves sei "ein Schamane des 20. Jahrhunderts“, in Korea würden man so einen als "Nationalhelden" feiern.
Wir aber fragen weder John Zorn noch unseren Arzt oder Apotheker, aber die ganz ordinäre
Naturwissenschaft, ob sie es für möglich hält, dass man dem Herzen au diese Weise die richtigen Flötentöne beibringen kann.

©Michael Rüsenberg, 2004. Nachdruck verboten