Chapeau! Der Süddeutschen Zeitung gelingt heuer, einen Trend zu perfektionieren, der unser "Qualitäts"-Feuilleton schon seit einiger Zeit durchweht: die Befreiung der Musikkritik von jeglichem Musik-Vokabular. Es handelt sich um den Bruder von Enzensberger´s Beobachtung, der Literaturkritiker werde ersetzt durch den "Zirkulationsagenten".

Zur Hilfe kommt "bru" von der SZ dabei ein Umstand, nach dessen Kenntnis viele Kritiker lechzen, weil er ihnen manche Arbeit abnimmt: die Kenntnis der sogenannten Aufführungsbedingungen.
So steht nun
Keith Jarrett´s vorletztem Album "Up for it", mitgeschnitten im Juli 2002 beim Antibes Festival unter widrigen Bedingungen (Jarrett selbst spricht vom "Sieg des Willens über die Umstände"), sein jüngstes gegenüber, "The Out-of-Towners", im Juli 2001 aufgezeichnet im "Nationaltheater" München.
Spätestens seit der Lektüre von
Ian Carr´s "Keith Jarrett. The Man and His Music" (1991) ist bekannt, dass der Gross-Pianist des öfteren beste Resultate bei schlechtesten Bedingungen erzielt.
Dem SZ-Kritiker nun genügt ein Vergleich der Konzertorte zur Bewertung der Musik. Dass also die Musiker "in Antibes unter widrigen äußeren Bedingungen ein fast übellauniges,
mürrisches Konzert ablieferten, eine grantige Kraftanstrengung - was für ein Vergnügen."
Wohingegen in München "die Musik nicht T-Shirt und klamme Jeans (trägt), hier macht sie im Abendkleid eine gute Figur, wie es in Heiratsanzeigen so treffend heisst. Von seiner edelsten, feinst geschliffenen Seite zeigt sich das Trio, ganz Haute Couture des Jazz, klassisch wie mancher
Marsalis gerne wäre, leicht und betörend wie Audrey Hepburn, wenn sie durch ´Frühstück bei Tiffany` schwebt. Champagnermusik."
Wie würde Keith Jarrett dies bezeichnen? Vielleicht als "Sieg des
Analogismus über das Zuhören".

©Michael Rüsenberg, 2004. Nachdruck verboten