BEN SIDRAN Don´t dry for no Hipster ******

01. Back nine (Sidran), 02. Brand new Music, 03. Don´t cry for no Hipster, 04. At least we got to the Race, 05. Can we talk, 06. In the Beginning, 07. It don´t get no better,  08. Dying away, 09. Private Guy, 10. Reflections (Monk),  11. Take a little Hit (Sidran), 12. Sixteen Tons (Merle Travis), 13. Rich interior Life (Sidran), 14. Hooglin´

Ben Sidran - p, ep, org, voc, Will Bernard - g, Leo Sidran - dr, Moses Patrou - perc, Tim Luntzel - b, Orlando Le Fleming - b (4,8,11), John Ellis - ts (2,5,14), Mark Shim - ts (4,10,14), Trixie Waterbed - voc

rec. 23.-25.07.2012
HarmoniaMundi/Bonsaï Music BON 121110

Michael Naura, ex-NDR-Jazz-Chef und einziger deutscher Jazzpublizist von schriftstellerischem Rang, hat ein paar Wortmarken geprägt. „XYZ liegt sehr gut im Mittelfeld“ ist so eine.
Wahrscheinlich war sie spöttisch gemeint, aber man kann sie durchaus auch deskriptiv anwenden auf solche Fälle, in denen das Rad des Jazz nicht weitergedreht, seine Tugenden und Errungenschaften aber bestens artikuliert werden. Das trifft auf viele zu, ganz besonders aber auf Ben Sidran.
Der Autor, Pianist, Sänger, vorübergehender Label-Chef (Go Jazz) hat niemals die Richtung gewiesen, er hat über Jahrzehnte immer wieder gut den jeweiligen Zeitgeist wiedergegeben. Bei der Mode, Bob Dylan zu adaptieren, war er einer der ersten, mit zwei Alben - von denen freilich eines deutlich abfiel.
Und damit hätten wir eine Konstante seiner Karriere benannt: den schwanken Qualitätslevel. Damit wir uns nicht missverstehen, Sidran sinkt nie unter ein professionelles Niveau, aber die lange Liste seiner Veröffentlichungen beschreibt doch deutlich eine Wellenform.
Eine andere Konstante: Ben Sidran, den Sänger, erkennt man immer. Er gehört, im Verein mit Georgie Fame oder Mose Allison, nicht zu den Goldkehlen, aber sein/ihr Gespür für Jazz-Phrasierung ist untrüglich. Es ist hier, wiederum im besten Sinne, die Night Club-Praxis, die aus allen seinen vokalen Äußerungen spricht, egal ob er singt oder ob er über Musik redet. Es hat eine Leichtigkeit, einen Unernst, der für ihn einnimmt. Ihn so unterhaltsam macht.
cover-sidran-hipster„Don´t cry for no Hipster“ ist wieder so ein all time Sidran album, der Unterschied zu, sagen wir, „The Doctor is in“ (1977), ist nicht beträchtlich: immer wieder Balladen in großer Nähe zu BluesRock und Soul, ein Standard („Reflections“).
Kein Wunder auch, dass er einen amerikanischen Klassiker wie „Sixteen Tons“ dabei hat, den Bergarbeiter-Song des Country-Sängers Merle Travis (1946), der von Elvis und The Clash bis Bo Diddley und Stevie Wonder immer wieder ethnische Grenzen der Interpretation überrollt und hier in einem wogend ternären Groove vorgetragen wird. Man möchte aufspringen, den Nachbarn umfassen und mitschunkeln.
Ja, die Grooves, darauf achtet Ben Sidran immer sehr, sie müssen stimmen, ja geradezu delikat sein, und diesmal hat er sie ganz besonders geerdet durch den fast durchgängigen Einsatz des Wurlitzer Electric Pianos. Yes, Folks, wenn der Trend schon Retro (und Hipster) verlangt, dann setzt Ben Sidran sich an seine Spitze.
Und in Mark Shim hat er eine Stimme, die nicht nur in Balladen schmeichelt, sondern im Shuffle-Blues „Hooglin´“ auch noch in Richtung Texas horn intoniert.
Oder die obertonarmen Gitarren-Linien a la Cornell Dupree, jetzt gespielt von Will Bernard - die hat man schon tausend mal gehört. Die hört man immer wieder gerne, weil sie so „amtlich“ daherkommen.

erstellt: 10.01.13
©Michael Rüsenberg, 2013. Alle Rechte vorbehalten


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