MILES DAVIS QUINTET Live in Europe 1967 - The Bootleg Series Vol 1  **********
3 CD/1 DVD

CD 1
01. Agitation (Miles Davis), 02. Footprints (Wayne Shorter),03. Round Midnight (Monk, Williams, Hanighen), 04. No Blues (Davis), 05.Riot (Hancock), 06. On Green Dolphin Street (Washington, Kaper), 07. Masqualero (Shorter), 08. Gingerbread Boy (Jimmy Heath), 09. The Theme (Davis)
rec. 28.10.67 Antwerpen


CD 2
01. Agitation (Miles Davis), 02. Footprints (Wayne Shorter), 03. Round Midnight (Monk,  04. No Blues (Davis), 05. Masqualero (Shorter)

rec. 02.11.67 Kopenhagen


06. Agitation (Miles Davis), 07. Footprints (Wayne Shorter)

CD 3
01. Round Midnight (Monk), 02. No Blues (Davis), 03. Masqualero (Shorter), 04. I fall in Love too easily (Cahn, Styne), 05. Riot (Hancock), 06. Walkin´(Richard Carpenter),  07. On Green Dolphin Street (Washington, Kaper),  07. The Theme (Davis)


rec. 06.11.67 Paris

DVD
01. Agitation (Miles Davis), 02. Footprints (Wayne Shorter),  03. I fall in Love too easily (Cahn, Styne),  04. Gingerbread Boy (Jimmy Heath),  05. The Theme (Davis)
rec. 07.11.67 Karlsruhe



06. Agitation (Davis), 07. Footprints (Shorter),  08. Round Midnight (Monk),  09. Gingerbread Boy (Jimmy Heath), 10. The Theme (Davis)
rec. 31.10.67 Stockholm

Miles Davis - tp, Wayne Shorter - ts, Herbie Hancock - p, Ron Carter - b, Tony Williams- dr
Columbia Legacy 88697 94053; LC 00162


Wer bislang die DeLuxe-Ausgabe von „Live at the Plugged Nickel“ (7 CDs) aus dem Dezember 1965 weder unter dem Weihnachtsbaum finden noch - aus Kostengründen - selbst erstehen konnte, dem stellt sich mit dieser Edition eine äußerst preiswerte Alternative.
Mehr noch: die musikalischen Errungenschaften der „Plugged Nickel“-Konzerte - in einem Wort: der flexible Umgang mit der Zeit - sind hier noch viel ausgeprägter vorhanden.
Ein Stück wie „Round Midnight“, das alle fast ausschließlich als Ballade verstehen, zischt hier durch ein Wechselbad aus Groove- und Time-Wechseln, dass es bestenfalls fragmentarisch erkennbar bleiben lässt.
Diese fünf Musiker gehen ziemlich respektlos mit fremden, aber ebenso auch mit eigenen Werken um. Es erscheint beinahe egal, unter welchem knappen Sonnenschirm sie sich sammeln, um sogleich wieder solistisch auszuschwärmen. Was freilich die „Begleiter“ nicht hindert, unter/neben/hinter dem Solisten die Kulissen hin- und herzuschieben, neue Perspektiven freizulegen. Der Hörer ermüdet also so schnell nicht, x-mal „Round Midnight“ oder den Affenzahn von „Gingerbread Boy“ oder das Hup-Thema von „Mascalero“ vorgesetzt zu bekommen - die fünf spielen es jedes mal anders. Sie trauen sich alles zu, weil sie alles können.
Freebop“, wie der ausführliche Cover-Text insinuiert, ist dafür ein attraktiver Begriff. Die einzigen Türen, die sie nicht aufstoßen, ist die zur Atonalität und eine andere zur Auflösung des Metrums (wie es nur gut zwei Jahre später, im März 1970 „Live at Fillmore East, March 7 1970“ geschieht).
cover-md-67Tony Williams (1945-1997) ist dann nicht mehr dabei, das Verlassen eines wie auch immer gearteten Beat war seine Sache nicht. Das musste es auch gar nicht sein, der Mann hat seinen Rahmen eh bis zur Neige ausgeschöpft oder gedehnt oder gestreckt, wie immer man seine Errungenschaften wortbildlich darstellen mag.
Dennis Chambers, dem es früh vergönnt war, dieses Quintett live zu erleben, hat später einmal die Intensität von Williams so beschrieben: er habe gespielt, „als hätten die Cops draussen auf ihn gewartet.“ Bei aller Frivolität, besser kann man das Feuerwerk der Formen nicht beschreiben, das hier - nein, nicht abbrennt, sondern in immer wieder neuen Facetten erstrahlt.
Tony Williams war zum Zeitpunkt dieser Tournee 21 Jahre alt, ein Früh-Vollendeter, der sich nicht um Konventionen scheut; der z.B. da, wo tausende seiner Kollegen wie pflichtgemäß die rechte Hand nicht vom ride cymbal bekämen einen Wirbel auf der snare setzt, der permament die Tempi wechselt, halbiert, verdoppelt, verdreifacht (und in Ron Carter einen stoischen Gefährten hat, der alles mitträgt). Der manchmal auch dem Jazzrock schon ganz nahe ist.
Tony Williams mag das Zentrum sein, aber was wäre dieses Quintett ohne den suchenden und immer findenden Herbie Hancock, ohne dieses pfurz-trockene, kernige Tenor von Wayne Shorter - und ohne den Bandleader, der hier übrigens in weitaus besserer Form sich präsentiert als zwei Jahre zuvor in Chicago.
Wo Miles ist, sind Fehler, auf manche Themenköpfe verwenden die beiden Bläser wenig Mühe (meist „Masqualero“ und „Gingerbread Boy“), sie reißen es förmlich herunter, weil sie vermutlich merken: in dieser Hitze zählt weniger der einzelne Ton, sondern sein Platz in der Architektur, in diesem Energiefeld.
Die Jazzgeschichte hat ein solches Festival der Expression selten erreicht. Wer sich hier durchgehört hat, ahnt, nein weiß, warum auch heute noch zahlreiche Musiker auf dieses Quintett starren, als Modell, selbst wenn sie in anderer Formation spielen.
Es gibt nichts besseres, es wird nichts besseres geben, im Jazz.


erstellt: 08.10.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten