ARI HOENIG Lines Of Oppression ******
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01. Lines of Oppression (Hoenig), 02. Arrows and Loops, 03. Wedding Song, 04. Rhythm, 05. Rhythm-a-Ning (Monk), 06. Moanin´(Timmons), 07. Love´s feathered Nails (Hoenig), 08. Ephemeral Eyes, 09. How high the Moon (Morgan Lewis), 10. Higher to Hayastan (Hamasyan)

Ari Hoenig - dr, voc, Gilad Hekselman - g, voc, Chris Tordini - b (2,9,10), Orlando LeFleming - b (1,3,5,6,7,8), Tigran Hamasyan - p, voc

rec 19.-21.01.2010
Indigo/Naïve NJ 621171, LC 0540

„Lines of Oppression“ - frei übersetzt: Menschenschlangen von Unterdrückten. Der Titel dieses Albums trifft voll die Problematik der Bennung von Instrumentalmusik, die keinerlei, auch keine versteckten, Bezüge zueinander aufweisen. Der Titel rührt von Eindrücken „während einer Tour in Haiti“, wo Ari Hoenig in Port-au-Prince „Menschenschlangen in den Straßen auf der Suche nach Arbeit auffielen“ (und man sich jäh fragen muß, wann die geschundenen Bewohner dieses Landes je ein Ohr, geschweige denn Geld für amerikanischen Jazz, und sei es auch noch so guter, erübrigen konnten).
„Lines of Oppression“ ist eine suiten-artige Jazz-Komposition, die einige Kunstfertigkeit herausstellt, z.B. ein drum-solo gegen ein riff in 16/4 (und diese keineswegs symetrisch gruppiert). Selbst wenn wir für einen Moment dem abwegigen Gedanken uns hingeben, ein Stück dieses Titels müsse irjenswie Dünkel-Düsteres zum Ausdruck bringen, werden wir nichts finden. Wie gesagt, Kunstfertigkeit, heitere Kunstfertigkeit müsste man ergänzen, prägt das Stück und auch das zweite, „Arrows and Loops“ mit seinem Balkan-gedrechselten Thema, jazzrock-nah mit allerlei Aktivitäten des nicht gerade optimal aufgenommenen Bandleaders.
Die pieselige Gitarre im „Wedding Song“ sowie das saumselige „la, la, la“ aus drei Männerkehlen tun ein Übriges - will Ari Hoenig uns verschaukeln? Immerhin haben wir hier den Drummer aus diversen Ensembles von Jean-Michel Pilc vor uns.
cover-hoenig-oppressionDie Wende kommt mit track 4, „Rhythm“: scat vocal von Tigran Hamasyan mal synchron, mal sequentiell im Stile von Ruf & Antwort mit dem Schlagzeug. „Rhythm“ ist lediglich der gut eineinhalb minütige Auftakt zu „Rhythm-A-Ning“, wo Hoenig zu seiner wahren Profession findet: Standards Durchdeklinieren. Die tracks 4, 5 und 6 bilden eine regelrechte Mittelachse, denn in „Moanin´“ zeigt Hoenig seinen Markenkern vor als der derzeit melodischste Schlagzeuger. Wie auch früher schon intoniert er das Thema auf dem drumset, hier auf den toms, bevor die Combo die Vorlage in einem Shuffle fortträgt.
Die Ballade „Ephemeral Eyes“ bildet einen unauffälligen Ruhepunkt vor dem Gipfelsturm. Der beginnt mit dem hard swing „Ephemeral Eyes“ und katapultiert sich dann mit den letzten beiden tracks als Doppelstück auf den alles krönenden Höhepunkt. In beiden demonstriert die Band ein betörendes groove switching. Der Standard „How high the Moon“ erglüht in swing patterns aller Tempi und Formen. Tigran Hamasyan, ein erst 24jähriges Talent aus Armenien, schüttelt endlich das leicht parfümierte parlando (das er mit seiner Landsfrau Aziza teilt) und kommt in rege Interaktion mit Hoenig.
Plötzlich - ein uptempo swing, wir sind schon in „Higher to Hayastan“, das offenkundig von den ungeraden Metren von Hamasyans Heimat geprägt wird, jetzt schaukelt sich das Ganze in ein Rock-riff. 8 Takte lang wird es in HipHop variiert, wenige Sekunden Piano-Parfum - und dann ein Hammer-Riff, als sei Bill Bruford wieder in den aktiven Dienst zurückgekehrt. Aber, Bruford bleibt, wo er seit zwei Jahren ist (im Ruhestand), das riff in diesem Stück hat lediglich eine Verwandtschaft zu seiner Musik.
Im Zweifel hat Tigran Hamasyan auch gar nicht Bruford gehört, sondern Led Zeppelin (wie er in einem Interview sagt) - außerdem legt er oben drüber noch ein poly-rhythmisch verschobenes, armenisches Motiv.
Das dürfte so ziemlich die abgefahrenste Led Zeppelin-Rezeption unter Jazzmusikern sein.
(Hamasyan hat seine Mittel verfeinert: Vorlage zu „Higher to Hayastan“ ist ganz offenkundig das Brutalo-Riff aus dem Titelstück seines Albums "Red Hail" von 2009, Plus Loin Music PL4510)

erstellt: 14.07.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten

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