STEVE KHAN Parting Shot ******

01. Chronology (Ornette Coleman), 02. Los Gaiteros (Steve Khan), 03. Change Agent, 04. Bye-Ya (Monk), 05. Maria Mulambo (Khan, Badrena), 06. Influence Peddler (Khan), 07. When she´s not there, 08. Blues Connotation (Coleman), 09. Zancudoville (Steve Khan), 10. Just Deserts

Steve Khan - g, Anthony Jackson - bg, Dennis Chambers - dr, Manolo Badrena - perc, voc, Marc Quiñones - timbal, bongo, perc, Bobby Allende - perc, Rob Mounsey - keyb (9), Tatiana Parra, Andres Beeuwsaert - voc (6)


rec 06. + 07.11.2010
ESC Records 3740-2; LC 01263


Diese Besetzung - da kommt Freude auf! Das Kerntrio Kahn/Jackson/Badrena lenkt Erinnerungen in die Jahre 1981-83, auf die Alben „Eyewitness“, „Modern Times“ und „Casa Loco“ - ein Hochplateau, wie es Steve Khan weder vorher noch nachher erklommen hat.
1994 kam er ihm noch einmal sehr nahe, mit dem schließlich 2008 veröffentlichten Mitschnitt von der Kölner Musik Triennale, „The Suitcase“. 
Das war eine Retrospektive jener goldenen Jahre, unter Einschluß seines damaligen und heutigen Schlagzeugers Dennis Chambers.
Dessen Eignung für diese Spielart des Jazzrock steht außer Frage, aber jene Aufnahmen aus den frühen 80ern tragen ein ganz spezielles Wasserzeichen namens Steve Jordan. Chambers ist im Zweifel sogar der versiertere Drummer, aber er erzielt einfach nicht die Prägekraft Jordans. Er ließ die Akzente damals wandern wie Chambers heute (beat displacement), seine Interaktionsfähigkeit ist nicht höher zu veranschlagen - aber seine snare drum controlls sind konkurrenzlos.
Steve Khan übertreibt nicht, wenn er in „Khan´s Korner 2“ (einer überaus lesenswerten Sammlung von Analysen eigener und fremder Kompositionen auf seiner Webseite) das Solo von Steve Jordan in „Casa Loco“ als „one of the great, great drum solos ever recorded“ bezeichnet.

Über 2 Minuten und 37 Sekunden brennt der weniger ein Feuerwerk ab, sondern entfaltet in einer nachvollziehbaren Dramaturgie, ausgehend von der snare drum, über toms und hi hat einen Parcours mit einer solchen Kraft, Präzision und rhythmischen Fantasie, dass man vor Vergnügen und Bewegung laut schreien möchte. Eine snare ist ihm nicht genug, in einer Passage steigt er im Doppeltempo in einen anderen Groove und lässt kurzzeitig eine zweite, metallische snare drum krachen.
cover-kahn-partingIn dieser Disziplin, drum-solo gegen riff, ist auch Dennis Chambers richtig gut (auf dem neuen Album beispielsweise in „Change Agent“ und „Influence Peddler“), aber er erzielt nicht eine solche Kontrastwirkung. Die war seinerzeit auch, wie wir in „Khan´s Korner“ lesen, aus dem Widerspruch geboren, aus dem Widerspruch gerade des Drummers Steve Jordan gegen den Bandleader. Nicht selten verließen dessen Kompositionen in völlig veränderter Form den Proberaum, wie er sie hineingebracht hatte.
Von solchen berauschenden Friktionen, ja einer solchen Dringlichkeit, ist „Parting Shot“ bald 30 Jahre später weit entfernt. Die Produktion ist auf Eleganz & Kulinarik gepolt, stilistisch manifestiert sie eine Vorliebe, die bis in die Kinderzeit des Bandleaders, zur Cha-Cha-Mode in den 50er Jahren zurückreicht - die Liebe zur lateinamerikanischen Musik.
Auch Monk und Ornette Coleman erscheinen hier also im Gewand das Latin Jazz. „Change Agent“ ist ein Cha-Cha-Blues, „Maria Mulambo“ shuffelt im Latin Groove, „Zancudoville“ ist ein langsamer Cha Cha, in dem Steve Khan überraschend zu seinem klaren Gitarren-Ton der 70er Jahre zurückfindet.
Ansonsten erscheint sein Personalstil einmal mehr gereift, dieses ständige Wechseln zwischen Akkord und single note-Spiel, mit kurzzeitigen Oktav-Dopplungen nach unten und nicht selten blues-haften Tonbeugungen am Ende der Phrasen, auch dies ein Klangmerkmal, das ihn von anderen abhebt.

erstellt: 18.04.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten

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