BILL STEWART Incandescence *******

01. Knock on my Door (Bill Stewart), 02. Toad, 03. Portals opening, 04. Opening Portals, 05. See ya, 06. Four Hand Job, 07. Tella a Televangelist, 08. Metallurgy, 09. Incandescence

Larry Goldings - org, acc; Kevin Hayes - p, Bill Stewart - dr

rec 06.+07.12.2006
Pirouet PIT 3028; LC 12741

Große Überraschung: Bill Stewart, geboren am 18.10.66 in Des Moines/Iowa, ist gerade mal 41 Jahre alt! Gemessen an seiner häufigen Präsenz auf europäischen Bühnen und an seiner Discographie könnte man ihn durchaus für älter halten:
1990 taucht er - laut
JNE-Datenbank - bei John Scofield auf ("Meant to be"), und von dort geht es durch bis "This meets that", 2006, inklusive Stationen bei Don Grolnick, Bob Belden, mehrfach Marc Copland, Michael Brecker, Pat Metheny, Chris Potter und und und...nicht zu vergessen seine eigene Alben.
Darunter "Keynote Speakers", 2006, der unmittelbare Vorgänger zu dieser Produktion, in derselben, ungewöhnlichen Besetzung mit zwei Keyboardspielern resp. Pianisten.
Vermisst man einen Bass? Nein, dessen Part übernehmen die Füsse von
Larry Goldings an der Hammond B3 - die er aber auch ganz schön tiefenfrequenz-arm, "cheesy“, wie die Amerikaner sagen, spielen kann, z.B. in "Knock on my Door".
Der Eröffnungstrack kommt mit einem fröhlichen Humpeln daher, er steht nämlich in
5/4. Und hier wird zugleich auch die Klangfarbenverteilung durchdekliniert: Orgel vorne, Piano hinten, dann umgekehrt führt das Piano und die Orgel setzt hinten schwere Tropfen ab, oder beide rahmen den Bandleader ein, mit mehreren dr-soli gegen riffs, am ausgiebigsten im 11/8-Mittelteil von "Tell a Televangelist".
Im Grunde haben wir hier eine weitere Spezialform des Orgeltrios (eine schöne Altenative zu Nils Wograms "Nostalgia") vor uns, statt Posaune/Gitarre/Tenorsax lediglich mit dem Piano als zweitem lead instrument.
"Toad", ein slow swing, ist eine Widmung an Bill Stewarts Vater
Steve "Toad" Stewart, gestorben 2004. "Portals Opening" gehört ebenso in die Walzer-Abteilung wie später "See ya"; das erstere ein einziges, sanftes feature für den Schlagzeuger, in letzterem setzt Larry Goldings das Akkordeon ein. Man hat Mühe, die 3/4 durchzuzählen, weil Kevin Hayes häufig die Zählzeiten verschleiert.
"Opening Portal" ertönt als wunderschöner
fast swing, in dem Goldings - na klar! - den ebenso schönen Einflüssen von Larry Young (1949-1978) unterliegt: zeitlose Jazz-Kunst mit Baß-Gewummere und einem sauber abgeschmeckten Schlagzeug-Solo, zunächst über die toms und dann über den gesamen set.
"Four Hand Job" erscheint von Tempo & Klangtönung verwandt, wird aber weitaus "eckiger", gebrochener ausgeführt, bis zur Auflösung des
Metrums. "Metallurgy" schließlich ist als Cymbal-Feature angelegt, ein Klangstück ohne Beat.
Auffällig, dass Bill Stewart nirgends sein anderes Markenzeichen einsetzt, den New Orleans back beat - vielleicht bleibt das der Arbeit mit seinem "ewigen“ Bandleader
John Scofield vorbehalten.
Auch von "Incandescene", von "Glühen" oder gar "Weißglut", keine Spur. Dafür gibt sich die Musik viel zu sophisticated, präzise und kalkuliert.
Diese Combo würde man gerne auf einem der zahlreichen deutschen "Festivals" hören - wer aber bucht schon so ein un-hippes Vergnügen?

©Michael Rüsenberg, 2008, alle Rechte vorbehalten


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