ROGER HANSCHEL´S HEAVY ROTATION ********

01. Inner Vibes of Love (Hanschel), 02. Floating View, 03. Jandor, 04. Years of the fifth Period, 05. Second Hunt, 06. Interlude, 07. Kilcummin, 08. Loving high, 09. Fragant Vegitation

Roger Hanschel - as, f-mezzo, sopranino-sax; Markus Segschneider - g, Dietmar Fuhr - b, Daniel Schröteler - dr, perc

rec 12/2006
shaa-music 1019-0607; LC-Nr 02377

Dieses Album muß einen jeden überraschen, der Roger Hanschel zu kennen glaubt - aus 20 Jahren Kölner Saxophon Mafia, aus seinem Duo mit Gabriele Hasler, seinem Projekt Triosphere oder dem Frankfurt Contemporary Quartet.
"Heavy Rotation" steht quer zu alledem. Und - man muß den Titel (beinahe) wörtlich nehmen, er stammt aus der Popwelt, der Welt des Formatradios. Er steht dort für Stücke, die besonders häufig eingesetzt werden.
Ein Schicksal, das denen von Heavy Rotation nicht blühen wird. Denn selbst wenn sie Wind davon bekämen, könnten die Formatradios damit nichts anfangen, diese Musik würde ihr Format sprengen.
Im Jazz aber macht der Begriff vielfältig Sinn. Das Adjektiv "heavy" mag hier für den Bezug zur Rockmusik stehen, "Rotatation" bezeichnet mehr ein strukturelles Merkmal der Hanschel-Kompositionen: man kann sich die einzelnen Stimmen auch als rotierende Scheiben visualisieren - etwa in den Momenten, wo die Stimmen des Ensembles poly-rhythmisch verbunden sind.
Das geht gleich los im Eröffnungstrack, einem Rock-
riff in 7/8, wo Daniel Schröteler mehfach die Akzente verschiebt, am eindrucksvollsten in der poly-metrischen Orgie, die das Ensemble kurz vor Schluß veranstaltet.
"Jandor" enthält ähnlich komplexe
ostinato-Strukturen, und trotz einer mclaughinesk wirkden Blues-Gitarre, wird man einen Verdacht nicht los, der sich in "Second Hunt" in einem riff über 18/4 so verdeutlicht, dass man sich traut ihn auszusprechen: hier werden in Jazzkreisen Dinge verhandelt, die es ähnlich bei King Crimson gibt, tonal, melodisch, rhythmisch.
Dazu darf man auch die Gamelan-Einflüsse in "Kilcummin" zählen, das sich später schwer aufschaukelt - wie überhaupt auffällt, dass die "heavy tracks" mehrheitlich diejenigen mit den ungeraden track-Nummern sind.
Robert Fripp hätte bestimmt auch seinen Spaß an dem, was es bei ihm nicht gibt: Palmeros, Handklatschen wie im Flamenco, freilich nicht in den dafür typischen 6/8, sondern in 7/4 ("Loving High").
Die geraden tracks von "Heavy Rotation" stehen überwiegend für das, was im konventionelleren Jazz die Ballade einnimmt. Auffällig, dass sie fast alle von gestrichenem Kontrabass (ãarco“) grundiert werden, gerne auch
rückwärts laufend oder nach unten transponiert.
Den absoluten Höhepunkt dieser Konzeption markiert track 6, "Interlude". Der Titel untertreibt schamlos das
Höllenfeuer, das hier in den tiefsten Registern entfacht wird: dunkle, gestrichene Baß-Linien, eingebettet in Kettenschlagen und dröhnende, gleichfalls tiefer gelegte cymbals sowie helle Flammen aus minimal-patterns vom Sopransaxophon. Es müßte ein Segen sein, durch so ein Fegefeuer in die ewige Glückseligkeit zu gleiten.
Eine der
besten deutschen Jazzproduktionen des Jahres 2007, und allen denen zur Pflicht auferlegt, die seit Jahren vom "Tod des Jazzrock" blubbern. Das Genre erneuert sich - man muß nur wissen, wo.

erstellt: 31.10.07
©Michael Rüsenberg, 2007. Alle Rechte vorbehalten


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