DOUG WAMBLE Bluestate ********

1. If I live to see the Day (Wamble), 2. Washing of the Water (Peter Gabriel), 3. The Homewrecker Hump (Wamble), 4. Antoine´s Pillow Rock, 5. Rockin´ Jerusalem (trad), 6. One-Ninin´ (Roy Dunlab), 7. No more shrubs in Casablanca (Wamble), 8. Have a talk with God (Hardaway, Wonder), 9. Gone away (Wamble), 10. The Bear and the Toad

Doug Wamble
- g, voc; Roy Dunlap - p, Jeff Hanley - b, Peter Miles - dr, Branford Marsalis - ts

rec 21.-23.8.2004
in-akustik/Marsalis Music/rounder 11661-3311-2; LC-Nr 12261

Wenn der Jazz seinen angestammten publizistischen Rahmen verlässt, auf dem Weg zu einem wirklich grösseren Publikum - wird die Luft sprachlich noch dünner. Für einen jeden, den man dort auszeichnen will, steht die Verlegenheitsformel bereit "eine Mischung aus Jazz, Rock, Blues und Gospel"
Zwar trifft diese Formel auf niemanden zu, aber sie klingt nach Vielfalt, und das macht sich immer gut.
Wahrscheinlich werden diese Multiplikatoren vor
Doug Wamble regelrecht erschrecken und ihr Sprachgeblubber gar nicht erkennen - auf diesen 33jährigen aus Tennessee trifft die obige Mischung aber zu! Plus einer nicht unbedeutenden Country-Einfärbung.
Wamble ist weiss, seit 1997 lebt er in New York, hat dort beim
Lincoln Center Jazz Orchestra sowie bei Cassandra Wilson Gastrollen gegeben (mithin in dezidiert afro-amerikanischen Kontexten) und veröffentlicht nun sein zweites Album auf dem Label von Branford Marsalis.
Doug Wamble ist ein Mann des Understatement. Auf dem Cover seines ersten Albums ("Country Libations", 2003) posiert, nein sitzt er als übergewichtiger Mann aus der Provinz vor einer Blümchentapete. Auch seiner Musik haftet zunächst der Geruch des Altmodischen an, Wamble bedient ausschliesslich eine akustische Gitarre. Rasch aber tun sich für den, dessen Ohren gut eingemessen sind, unter der Oberfläche Abgründe auf: ungerade Takte, McCoy-Tyner-Akkorde, ungewöhnliche Formen, ja Interaktion, wie sie die Altvorderen nicht kannten.
Doug Wamble und seine Quartett (alles weisse Musiker) gehören ohne Abstriche zur Jazz-Moderne.
Sie haben aus den vielzitierten Quellen Ernst gemacht und eine eigene Sprache geformt, die der
Frisell´chen Country-Melange ins nichts nachsteht, bloss ganz anders klingt.
Der Auftakt "If I live to see the Day" zeigt, wo´s lang geht, mit Rhythmuswechseln und einer schwer singbaren Melodik. Der "Homewrecker Hump" kommt, was man erst später merkt, von Anfang an als
5/4-Takt daher, geht mal ins halbe Tempo und schliesst - wie ürigens track 1 auch - mit einem dr-solo gegen riff.
"Rockin´ Jerusalem" wechselt ins swing-Fach, der Produzent, Label-Chef und Wamble-Entdecker
Branford Marsalis spielt eines seiner eckigen, dichten Tenor-Soli, dem die Band stil-gerecht folgt.
Wie gesagt, ohne seine drei Begleiter hätte Wamble nur die halbe Miete beisammen, sie spielen bis zur Auflösung des Metrums ("Rockin´ Jerusalem") oder rubato ("Washing of the Water"). Es ist ein Lustgewinn sondergleichen, dieses moderne Jazzboot durch alte Wasser navigieren zu hören. Das kann
Monk´ish sein ("One-Ninin´"), eine abgedrehte Polka ("No more Shrubs in Casablanca", mit John Zorn-artigen cut-up-Techniken), aber auch zweimal Pop: Peter Gabriel´s "Washing of the Water", das wohl noch noch nie so schwarz geklungen hat und Stevie Wonder´s "Have a talk with God". Wamble stellt den Blues-Charakter deutlicher heraus als das Original, und er hat auch ein wunderbares Organ, um das alles zu singen.
Wamble schliesst das Album mit einem Paradestück
dawg music, jener Mischung aus Country & Jazz, die freilich kaum jemand so jazz-like hinkriegt wie seine Combo.
"Bluestate" ist ein wunderbares Mittel, um Vorurteile zerfliessen zu lassen: selten hat Country so schwarz geklungen, Gospel so offen, der Blues so hell - und das Ganze obendrein auch noch so
saugut gespielt!

erstellt: 22.06.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten


Drucken   E-Mail