BILL BRUFORD´S EARTHWORKS feat TIM GARLAND Random Acts of Happiness ******

1. My Heart declares a Holiday (Bruford, Ballamy, Bates), 2. White Knuckle Wedding (Garland, Bruford), 3. Turn and Return (Garland), 4. Tramontana (Hamilton, Garland), 5. Bajo del Sol (Garland), 6. Seems like a Lifetime ago (Bruford), 7. Modern Folk (Garland), 8.With Friends like these (Bruford), 9. Speaking with Wooden Tongues (Garland), 10. One of a Kind, Part 1 (Bruford), 11. One of a Kind, Part 2 (Bruford, Stewart), Japan-Bonus: 12. Blues for little Joe (Garland)

Bill Bruford
- dr; Tim Garland - ss, ts, fl, bcl;
Steve Hamilton - p, Mark Hodgson - b
rec 13./14.5.03
Summerfold Records SFVP001CD-JP

www.billbruford.com

Earthworks-Alben erfordern zunächst einen Blick auf das Personalkarussell:
jüngster Neuzugang - für Steve Hamilton - ist der erst 22jährige Pianist Gwilym Simcock.

Damit ist, im Gegensatz zur ersten, elektrischen Earthworks-Mannschaft, bei der lediglich einmal auf dem Bass-Posten ausgetauscht wurde, bei der akustischen, jazz-zugewandten Folgeformation - neben dem Bandleader, muss man das noch sagen? - der Bassist die einzige personelle Konstante. Patrick Clahar war weitaus kürzer dabei, als es seine opulente Präsenz auf drei Alben signalisiert. Umgekehrt verhält es sich mit seinem Nachfolger Tim Garland: er gehört seit 3 Jahren zu Band, ist nur auf diesem neuen Album vertreten, aber von besonderem Status - er wird bereits im Bandnamen hervorgehoben. Sein Einfluss auf diesen Projekt ist damit nicht übertrieben, er spiegelt sich auch durch Autorenschaft und Co-Autorenschaft für etliche Stücke dieses Albums.
Tim Garland ist Brite, zählte oder zählt immer noch zum Kreis um Chick
Corea (*Rendezvouz in New York*), sein *Bajo del Sol* hier klingt wie eine Paraphrase auf *La Fiesta*, inklusive Flamenco-Claps. Man wird sich leicht mit dem Bandleader Bruford darauf verständigen, dass Garland seinen Vorgänger Clahar technisch-handwerklich überragt.
Das aber ist allenfalls die halbe Miete, besser gesagt: es ist Teil des Problems, das ich mit dieser Produktion habe. War es Kant (?, oder wer auch immer), der den schönen Satz geprägt hat, das
Unglück der Menschheit hinge damit zusammen, dass viele Menschen einfach nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen könnten.
Hätte
Kant Jazz hören können, er hätte Tim Garland auf dem Monitor gehabt, einen Musiker, der fünf Töne setzt, wo einer genügte. Der fast immer über-spielt. Und nun zieht er auch noch Steve Hamilton in diesen Strudel hinein. Der war bis dato auch mehr als Handwerker denn als Stilist ausgewiesen. In ihren Soli werfen die beiden die immer gleichen Kalorienbomben, die zwar Instrumentalpädagogen entzücken mögen, den gemeinen Jazzkritiker aber nach Hausmannskost verlangen lassen, vorzugweise aus der afro-amerikanischen Küche. Muss der Teller denn immer so voll sein?
*Random Acts of Happiness* ist ein Live-Album. Die Aufnahmetechnik bei *
Yoshi´s* in Oakland tut ihr übriges (Mein Gott, hat Pat Martino dort Dampf abgelassen!): die Musik klingt, im Gegensatz zum Vorgängeralbum (live im Pizza Express, London), eher indirekt, wenig bauchig, untenrum fehlt einfach was.
Konzeptionell steckt in diesem jazz-nahen Jazzrock immer noch eine Menge drin, ganz zu schweigen von der Rhythmusarbeit des Charakterkopfes am Schlagzeug. Aber diese Konzeption liefert sich einer völlig überdrehten Interpretation aus, die Nähe zu Chick Corea bekommt ihr nicht. Wer Bruford´s Welt kennt (und schätzt), wird hierin nichts Neues entdecken, selbst die Remakes älter Stücke sind hier weniger eindrucksvoll als beispielsweise auf *
Drum Nation Vol 1*. Er wird nähere und - ganz sicher - fernere Stationen dieser glorreichen Vergangenheit entschieden bevorzugen.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten