JÜRGEN FRIEDRICH Bits & Pieces *****

1. Miniotaurus (Jürgen Friedrich), 2. Joni, 3. Munchkin, 4. Yoik, 5. Lied für meinen kleinen Sohn, 6. Novemba, 7. Brazileira, 8. Malen nach Zahlen

Jürgen Friedrich
- ep, p, melodica; Norbert Scholly - g, comp; Philipp Rehm - bg, Christian Thomé - dr, Junia Vent - voc, Niels Klein - ts, Claudius Valk - ss, Felix Astor - perc

rec 2.-4.2.2003
jazz-network.com/schoener hören JN 012

Der
Gil-Evans-Preisträger Jürgen Friedrich gehört in Köln dank Friedrich-Hebert-Moreno zu denen, die dem Uralt-Genre des Piano Trios neue Aspekte abgewinnen. Mit diesem Album, schreibt das Label oder der Vertrieb, zeige er "eine andere Seite seines künstlerischen Wesens: Elektronik-Jazz".
Elektronik Jazz. Der Begriff trifft überwiegend nicht zu, denn Friedrich bedient mit dem Wurlitzer E-Piano vorzugsweise ein Instrument, das zu den elektro-akustischen Klangerzeugern zählt und Töne keineswegs synthetisch erzeugt. Wir ahnen, dass das so präzise gar nicht gemeint ist, sondern Friedrich - vor allem mit dem Titel "bits & pieces" - in den grossen Zeitgeist-Dunst des "irjenswie Elektronischen" rücken soll.
Das sagt nun fast gar nichts mehr. Wer sich wirklich für "Elektronik & Jazz" interessiert, wird hier kaum etwas finden. "bits & pieces" ist denkbar weit von "
trio x 3" entfernt und sehr nahe einem klangfarblich aufgefrischten Jazzrock, wie ihn etwa auch Enders Room vertritt.
Wie dort ist der Elektronik-Anteil auch bei Friedrich im Rhythmischen höher als im Melodischen, zeigt sich in allerlei dem
TripHop abgelauschten gimmicks, gelegentlichen loops und umgedrehten Hüllkurven - freilich ohne "time" in Frage zu stellen. Anderss als Enders läßt er sich improvisatorisch dadurch nicht einengen.
Im Gegenteil, je weiter die Spieldauer voranschreitet, desto günstigere Eindrücke hinterlässt die CD. "Novemba" etwa blendet sich über einem gemässigten HipHop-Groove in einem grossen
crescendo auf und wieder zu, einer zweitaktigen Figur, die über die Taktgrenzen von einem schönen Störsample gehalten wird. "Brazileira", nomen es omen, ist eine Bossa Nova, in der schon mal ganzen Passagen die tiefen Frequenzen weggeblendet, ein täglich Techno-Brot.
Höhepunkt des ganzen Albums ist das Finale "Malen nach Zahlen". Stünde dort nicht
Ligeti als Inspirationsquelle verzeichnet, könnte man das Stück als eine Soft Machine-Paraphrase hören: Jürgen Frieddrich gibt am Wurlitzer eine Vorstellung, wie sie bis dato nur von Mike Ratledge zu hören war und Claudius Valk gibt auf dem Sopran einen besseren Elton Dean, als es jenem auf dem Alt je vergönnt war. Wie gesagt, ein wunderbar spielerisch entwickeltes Stück, der beste track...und keine Elekronik, nirgends.
Denn wo Friedrich der "Elektronik" sich annimmt - kommt er darin um. In track 5 sind ihm vor lauter Vaterliebe sämtliche ästhetischen
Sicherungen durchgebrannt: die Stimme des Nachwuchses in den Sampler zu laden ist nicht Mehrwert als seinerzeit der "Babysitter Boogie" von Ralph Bendix.
In den Stücken davor hantiert Friedrich wechselweise mit
Hancock- und George Duke-licks. Das macht er gekonnt, aber wozu? track 4 ist wie track 8 zeitloser europäsicher Jazzrock, suiten-artig angelegt und von Django Bates "inspiriert". Das einzige nachvollziehbare Indiz dafür ist die Frauenstimme, die freilich bei Django B. andere Aufgaben erfüllt, später noch ein ostinat durchgedrechseltes Thema.
Das scheint ja überhaupt das Problem mit solchen Rezeptionsvorgaben zu sein: hören Kritiker irgendwo irgendwelche "Einflüsse" heraus, können sie damit scheitern und von den Komponisten widerlegt werden. Geben
Komponisten selbst solche Angaben heraus, laufen sie Gefahr, missverstanden zu werden.
Warten wir auf das nächste Album von Jürgen Friedrich, wo er sich von solchen Vorgaben freistrampelt - befreiend wie sein Sohn von den Windeln.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten