Yes, folks, es muss sein, wir müssen das SZ-Feuilleton loben - nicht einen der Jazzautoren, sondern den oft so fabelhaften US-Korrespondenten Peter Richter.
In der Weihnachtsausgabe, rechtzeitig bevor die Lunte auf einem transatlantischen Forum in Heidelberg zündelt, hat er sie ausgetreten.
Der zündende Gedanke: Barack Obama ob seines lässigen Auftretens, seines auch bei Zwischenrufen Im-Rhythmus-Bleibens mit dem Cool Jazz in Verbindung zu bringen, ihn zu The President of the Cool zu promovieren.
Nämliches tat Ishmael Reed, 75, am 19.12.13 in der New York Times.
ishmael-reedDer Schriftsteller ist kein Unbekannter in unseren Kreisen, Kip Hanrahan hat ihm 1983 mit  "Conjure - Music for the Texts of Ishmael Reed" ein eindrückliches Denkmal gesetzt. Derzeit ist er poet laureate am San Francisco Jazz Center, sein Gedicht "When I Die I Will Go To Jazz" ist an einer der Wände angebracht.
In diesem mit 64 Mio Dollar wohl teuersten Jazzbau aller Zeiten also lauscht Reed einer Rede von Obama, kommt ins Grübeln über die Qualitäten der Repräsentanten des Cool Jazz (deren Namen er lexikalisch korrekt aufzählt):
"Die Musiker des Cool verlangten Respekt und gingen bei Attacken nicht in die Luft, sondern reagierten, wie der Präsident, stoisch. Eines seiner Lieblingswörter ist Beharrlichkeit - die Grundhaltung seines Helden, des Saxophonisten Sonny Rollins, des größten noch lebenden Bebop-Musikers".
Ja, Ishmael Reed verfällt nicht dem Fehler, Bebop und Cool als unterschiedliche Stile aufzufassen, vorher hat er schon klargestellt: "Unter den demokratischen Präsidenten kommt Obama dem Stil des Bebop am nächsten, der The Cool heißt".
Ja, in Amerika werden politische Haltungen gern mit musikalischen Präferenzen enggeführt, wie Peter Richter betont. Aber, ist da was dran?
Richter klopft die verschiedenen Bedeutungen ab, die cool, groß- und kleingeschrieben, haben kann, zuletzt dass cool bleiben auch erst mal im Nennwert zu nehmen ist, dass einen etwas wirklich kalt lässt (wie Obama die NSA-Affäre).
"Das ´Cool´ im Jazz und schlichtes Desinteresse, die schlendernde Lässigkeit des Basketballspielers und die alten Herrschaftstechniken der Affektkontrolle...Das ist alles wirkliche nicht dasselbe." Danke.
Aber, Richter weiter: "Aber es steht doch in gewissen tonalen Verhältnissen zueinander, die sich am Ende vermutlich wie Jazz anhören."
Oh je, wie das klingt, wenn man die "tonalen Verhältnisse" ihrem angestammten Ort, der Musikologie, entreisst!
Auf den letzten Metern hat Peter Richter die Lunte also nicht ausgetreten, sondern leider nur ein wenig gewässert.

PS: “The quote I hear the most about the President is that he's always the coolest guy in the room. That's what everyone says. 'He's the coolest guy in the room.' Alright, but here's my question: Who else is in that room?!”
-----Conan O'Brien at the 2013 White House Correspondents' Dinner
(danke an dr pic)


erstellt: 25.12.13
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