Der Herr Andrian hat wieder Jazz gehört. Andrian Kreye, einer der beiden Feuilleton-Chefs der SZ. Herr Andrian hat das neue Album "Till Brönner" gehört, und damit stoße jener "ein ganz schmales Fenster der Jazzgeschichte auf, das für einen unfassbaren Optimismus und für eine extrem gut gelaunte Zeit steht".
Jazz-ästhetisch gesprochen: der Herr Brönner ahmt auf seiner jüngsten CD das Klangideal von CTI nach, jenes Labels, das unter der Tonregie von Rudy van Gelder zwischen 1970 und 1980 in der Tat einen Katalog sehr gut klingender post Hardbop-Aufnahmen veröffentlicht hat - von denen es freilich keine einzige in den Jazz-Kanon geschafft hat, obgleich für van Gelder und den Label-Boss Creed Taylor Künstler wie Herbie Hancock, Jack DeJohnette oder Chick Corea tätig waren. Dass Herr Andrian übersieht oder überhört, dass jene ihre bahnbrechenden Aufnahmen just zu dieser goldenen Zeit auf Labels wie WB oder Columbia,  ja auch ECM, veröffentlicht (und sich auf CTI lediglich Zubrote verdient haben) - Schwamm drüber, an diesem Publikationsort kann man Kenntnis der Jazzgeschichte auch in groben Umrissen nicht (mehr) erwarten.
Über Jazz kann so einer sagen was er will. Riskant wird für ihn diesmal die für das Großfeuilleton übliche Verknüpfung von Tönen mit Zeitgeschichte. Die CTI-Musik sei "in einem euphorischen Amerika" entstanden, "das seine größten Kämpfe hinter sich und die sozialen Rückschläge noch vor sich hatte".
Toll, wie seinerzeit van Gelder & Taylor an Watergate, dem Rücktritt Nixons (1974) und dem Ende des Vietnamkrieges (1975) vorbei - und vor allem unbemerkt von der erdrückenden Konkurrenz - soviel gute Laune verbreiten konnten.
Wir wollen für den Herrn Andrian hoffen, dass Götz Aly, oder einem anderen Historiker, dieser Quatsch bei der SZ-Lektüre nicht auffällt ... weil er unter dem Jazz-Vorzeichen ohnehin nicht ernst genommen wird.

©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten