"Der Jazz ist tot" titelt das Gemeinschaftsfeuilleton von Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau über das Jazzfest Berlin 2012.
Das wäre nicht weiter schlimm, könnte sich "unser Popredakteur" Jens Balzer (BZ) dabei nicht auf ein Zitat des auch bei Wortaussagen mitunter schlecht intonierenden Archie Shepp stützen.
"Im Gespräch mit dieser Zeitung" habe also der Tenorist vor ein paar Jahren gesagt, die Rolle des Jazz "in der afroamerikanischen Community sei lange lange schon durch den HipHop ersetzt worden; und als Musik für die weiße Mittelschicht sei er auf Dauer nicht lebensfähig."
Man mag über einen solchen Quatsch lachen und dem Urheber - in Anlehnung an Frank Zappa - zurufen: "Shut up and play yer horn!"
Im Falle des offenkundig hörgeschädigten Balzer aber wird er zu einem Knüppel, mit dem der dem gerade unter neuer Leitung angelaufenen Festival so einiges überbraten kann: z.B. die "Vielzahl von Veteranen" (in deren Aufzählung der Spitzenwert "83 Jahre" für Rolf Kühn fehlt) und die Auswahl der Spielstätten, "wieder sämtlich in Wilmersdorf, Charlottenburg und Tiergarten, den traditionellen Siedlungsgebieten der jazzmusikhörenden Studienräte mit Bart". (Balzer vergisst auch hier ein entscheidendes Detail: den vielzitierten Cord-Anzug, der an diesen Kerlen typischerweise herabhängt.)
Das alles müsste einen nicht weiter bekümmern, steht es doch in der langen Traditionslinie der Berliner Jazzkritiker-Folklore, über die schon Joachim-Ernst Berendt sich lustig gemacht hat - stünde es nicht ausgerechnet in der FR, für die einst Wilhelm E. Liefland (1938-1980) und zuletzt Hansjürgen Linke geschrieben haben.


©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten