Frank Elstner – Menschen der Woche
14.4.2012, SWR Fernsehen

FRANK ELSTNER: Und jetzt hab ich einen Gast, meine Damen und Herren, sie ist so was von musikalisch, eine Riesenmusikerin, aber sie hat ein Temperament, das reicht für 500 Auftritte. Jetzt freu ich mich ganz besonders auf Professor Doktor Ilse Storb!
(Publikum im Baden-Badener „E-Werk“ applaudiert)
ILSE STORB (sitzt in der ersten Reihe, steht auf, winkt, geht auf Elstner zu)
ELSTNER (geht auf Storb zu, will sie zum Interviewtisch geleiten)
STORB: Nee, nee, nee…
ELSTNER: Geht´s?
STORB: Genau das lernt man in der Reha.
(erreicht Stuhl und Tisch ohne Hilfe)
ELSTNER (lacht kurz gequält)
STORB: Äh…
(Applaus endet)
ELSTNER: Herzlich willkommen.
STORB: …was liecht denn hier? Ach, das sind Ihre Blätter…
ELSTNER: Ach, das sind ja meine, ja…
STORB: …nehmse gleich rüber.
ELSTNER: …die nehm ich mal hier rüber.
STORB: Trommel aus Nigeria und…
(stellt eine Handtrommel auf den Tisch)
ELSTNER: Sie haben mir was mitgebracht.
STORB: Ja, natürlich… und das ist ein Agogo aus Ghana. Aber ich muss gerade mal dazu sagen: Die glücklichsten Menschen der Welt…
(setzt sich)
ELSTNER Ja?
(setzt sich)
STORB: …habe ich kennengelernt, persö… bin ich auf Sendung? Ja…
(Publikum lacht)
ELSTNER: Ja, natürlich.
STORB: …was mein ich? Die Technik, ne? …hab ich kennengelernt in Kribi, Kamerun, bei den Pygmäen. Warum? Die haben noch nie Geld gesehen, die leben tatsächlich im tropischen Regenwald, von den Früchten und vor allen Dingen: Menschlichkeit pur, Solidarität. Und deswegen lauf ich in letzter Zeit immer rum und sach: Geld macht unglücklich,
(gestikuliert)
Musik macht glücklich, Labor für Weltmusik.
ELSTNER: (lacht kurz gequält) Lieber Professor, liebe Professorin, Labor für Weltmusik, das ist Ihr allerneustes Werk…
STORB: Kind.
ELSTNER: …kann man so sagen…
STORB: Kann ruhig Kind sagen.
ELSTNER: …aber Sie haben viele andere Kinder auch in die Welt gesetzt und Sie waren die erste europäische Jazzprofessorin.
STORB: Das ist richtig. Für Jazzforschung und da muss man ja vorsichtig sein. Wenn ich jetzt sach, ich bin Jazzprofessorin und dann denken alle: Oh, die ist Jazzpianistin, kann Tausend Stücke, Standards, die sogenannten Standards, in zwölf Tonarten spielen. Das nicht, ich bin Professorin für Jazzforschung, klassische Pianistin, die Jazz spielt, das ist was anderes, nicht? Da muss ich ganz ehrlich sein, sonst krich ich die größten Probleme.
ELSTNER: Alles klar…
STORB: (hebt Wasserglas) Prost.
ELSTNER: …aber jetzt als diese Forscherin haben Sie nicht nur vieles geschaffen und vor allen Dingen sehr viele Kinder zur Musik geführt, sondern Sie haben die größten Stars der Welt kennengelernt. Sie haben Louis Armstrong geküsst, Sie haben mit Dave Brubeck Ihre Doktorarbeit sozusagen…
STORB: Habilitation.
ELSTNER: …vollenden dürfen. Habili…
STORB: Ich sollte Sie ja unterbrechen, ne?
ELSTNER: Ja, ja, unbedingt, grundsätzlich, wenn ich was Falsches sage…
STORB: Habilitation. Doktorarbeit über Claude Debussy. Ich komm ja von der Klassik her und das war ja alles entartete Niggermusik, um die Zeit. Und zum Jazz bin ich erst viel später gekommen und eigentlich auf ´ne sehr trockene Art und Weise, nämlich: Da hing am… wann war das? 68. 68 in der Uni ein Riesenplakat, da stand drauf: Musikwissenschaft und Jazz. Da hab ich gedacht: Ja, Musikwissenschaft kennste, die sind ja meistens retrograd.
(wendet sich ans Publikum)
Hammwa hier´n Musikwissenschaftler?
ELSTNER (lacht kurz gequält)
STORB: (wendet sich wieder Elstner zu) Mit dem werd ich nachher mal reden. Und Jazz, da dacht ich: Hast keine Ahnung von Jazz, aber das kann ja nicht gut gehen, das wird ja Hauen und Stechen, Ärmel hoch, nichts wie hin nach Graz,
(steht auf)
IGJ, Internationale Gesellschaft für Jazzforschung
(wendet sich ans Publikum)
Uli Blomann, du kennst das auch noch, ne?
(wendet sich zu Elstner)
ELSTNER: (steht auf, weist auf Storbs Stuhl)
STORB: Ja, danke…
(setzt sich)
ELSTNER (setzt sich)
STORB: Dankeschön, Dankeschön.
ELSTNER: Bitte sehr.
STORB: Sitzen ist nicht meine Art.
(lacht)
ELSTNER (lacht kurz gequält) Sie haben das Bundesverdienstkreuz bekommen, weil Sie sich so viel um Kinder, um den Frieden und um die internationale Zusammenarbeit in der Musik bemüht haben.
STORB: Völkerverständigung durch Musik, rastlose Brückenbauerin…
ELSTNER: 25-mal in Afrika.
STORB: Ja, ungefähr 30-mal in Schwarzafrika, Nigeria, Brasilien, Jordanien, Tunesien, Japan, China, um nur einige Länder zu nennen. Und ich hoffe, wir kriegen – und da arbeiten Sie bitte alle mit – keine Kriege mehr! Love and peace, wir brauchen dringend Frieden. Das Geld, was da ausgegeben wird für Rüstung, bringt mich jeden Tag zur Verzweiflung. Und ich arbeite an der Basis und
(präsentiert einen Flyer)
dieses Labor für Weltmusik, das ist für 8000 Schüler in Essen, an der Folkwang-Musikschule, und
(wendet sich ans Publikum)
ich bitte da um Unterstützung. Wenn Sie etwas liefern könnten, finanziell auch,
(wendet sich an Elstner)
ich selber tu da mein Leben rein, mein Geld und demnächst auch mein Haus, aber da muss ich erst tot sein. Ich hab neulich in den Flottmann-Hallen gesagt…
(steht auf)
Keine Sorge, ich setz mich gleich wieder hin.
(lacht)
(Publikum lacht)
ELSTNER (irritiert) Ja, ja.
STORB: (wendet sich ans Publikum, gestikuliert) Ich lade Sie alle zu meiner Beerdigung ein, Termin wird nachgereicht! Sie dürfen lachen.
(Publikum lacht)
ELSTNER (lacht gequält)
STORB: (setzt sich, wendet sich an Elstner) Ich würde gerne „Pata Pata“ machen. Wie viel Minuten hammwa denn noch?
ELSTNER: Wir haben noch genug Zeit, Professor.
STORB: Ach so.
ELSTNER: Was haben Sie hier alles mitgebracht?
STORB: Ja…
ELSTNER: Das ist ein Musikinstrument?
STORB: Das ist eigentlich nur ein kleines Nudelholz, Achtung.

Es geht noch sehr lange weiter. Hab keinen Nerv mehr, weiter zu transkribieren, sorry.

©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten