Lieber Reiner*
das Feuilleton der SZ hat Dich durch den Wulff gedreht: „Jazz gehört zu unserem kulturellen Erbe“ heisst es in der Überschrift - wohingegen Du im Text betonst, es bestehe eben „keine Balance zwischen der Förderung unseres kulturellen Erbes und der Förderung neuer Kunstformen“.
Der Jazz, so kann man Dich nur verstehen, gehört zu letzteren, den wenig geförderten neuen Kunstformen.
That´s Jazz? - That´s SZ-Feuilleton! Offenkundig fehlt in diesem Teil des Blattes eine korrigierende Instanz.
In vielem sind wir fast im Gleichklang, aber ich finde doch auch einige (Jazz)Glaubenssätze in Deinem Beitrag, die mir weniger belastbar scheinen als der Gottesglaube.
Du fragst: „Wie aber soll eine Kunstform ihre positive Wirkung entfalten, wenn es an der Infrastruktur fehlt?“
Diese Frage kommt überraschend, denn zuvor schichtest Du einen Wall an positiven Wirkungen: „keiner anderen darstellenden Kunst“ sei es so gelungen wie dem Jazz, „einmalige, nicht wiederholbare künstlerische Leistungen zu schaffen“; in unserer schönen kleinen Welt gebe es „geradezu einen Durst nach permanenter Erneuerung, der diese Musik gegen jede Form von Intoleranz resistent macht“; Musiker und Zuhörer erlebten „im Mikrokosmos Jazz ein Generationen übergreifendes Gemeinschafsgefühl einer besseren gerechteren Welt.“
Pierre Bourdieu wird in der Gruft lachen, denn nirgendwo sind die von ihm entdeckten sozialen Distinktionsgewinne so klar formuliert wie hier.
Aber, was hat die Musik dazu geleistet, die Töne & Klänge, die wir mögen, dass wir uns auf der richtigen Seite der Geschichte wähnen?
In den USA, schreibst Du, „haben immer mehr Musiker“ erkannt, "dass Jazz eigentlich der ideale Soundtrack der Occupy-Bewegung ist“.
Mangelt es dem Jazz an Selbststolz? Warum muss Jazz, wenn er doch so toll ist (was ich für zutreffend halte) sich immer an andere ´ranschmeissen?
Geht´s nicht auch weniger selbstgerecht? Die wichtigste Ressource, die der Jazz von außen erwarten kann, ist im Titel Deines Aufsatzes benannt, „Respekt“.
Und viel Respekt steckt schon in dieser Zahl: 170. Laut Musikinformationszentrum Bonn haben 2010 einhundertsiebzig Jazz- und Popularmusiker ein Hochchulstudium in diesem Lande absolviert, ein Jahr zuvor waren es noch ein paar mehr.
Sie strömen in eine Szene, in der zu viele für zu wenige Musik machen.
Das sind die strukturellen Gründe für den „Honorarverzicht der Musiker“, die Dauerkrise des Jazz.
Wenn die Öffentliche Hand also „A“ sagt, Ausbildung, so könnte man argumentieren, dann müsste sie eigentich auch für „B“ sorgen, für Beschäftigung (ähnlich der Klassischen Musik) und die Ausgebildeten nicht in ein Kunstprekariat entlassen.
Auf dass den „84 Opernhäusern in Deutschland“ dereinst mehr als heute „gerade einmal vier kommunal unterstütze Spielstätten gegenüber(stehen), die überwiegend Jazz und Improvisierte Musik veranstalten können“, wie Du schreibst.

*Reiner Michalke ist Leiter des Moers Festivals und Programmchef im Stadtgarten Köln. In der SZ vom 8.2.12 antwortet er unter der Überschrift „Es geht um Respekt“ auf das schiefe Bild, das Michael Hornstein an gleicher Stelle am 21.1.12 gezeichnet hat - ohne Hornstein zu erwähnen.


©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten