Die Politfolklore hat jetzt auch in der Süddeutschen ein Forum gefunden. Über das Jazzfest Berlin lässt die SZ berichten, als handele es sich um einen Ethnologen-Kongreß:
„Beim furiosen Jazzfest Berlin beenden die US-Musiker ihre Debatte um Identität.“
Tolle Sache. Bei Liz Wright sieht das so aus:
„Ideologischen Ballast erledigt Wright beispielsweise mit ihrer Gospelstimme, die sie in der Südstaatenkirche ihres Vaters geschult hat, und dem Freiheitsbegriff, der sich im Jazz über Jahrzehnte geformt hat.“
(So eine wie Liz Wright wäre eine gute Tischnachbarin gewesen, als man sich seinerzeit der Einflüsterungen von „Spartakus“-Kommilitonen erwehren musste.)
Auch das hätte unsereins damals gefallen: „80 Prozent der Lebensmittel ihres täglichen Bedarfs baut sie im eigenen Garten an.“
Wichtige Erkenntnis auch: die Klagen über George W., seinerzeit Gruß der US-Musiker, waren gar nicht angebracht, denn „eine neue künstlerische Haltung hat sich im langen Schatten der Bush-Ära ausgeprägt, die jetzt umso selbstbewußter auf die Festivalbühnen drängt.“
Nehmen wir beispielsweise Gregory Porter, er hat sich „musikalisch konsequent“ (selbstverständlich konsequent, was denn sonst?), „einem traditionalistischen Jazz-Idiom verschrieben“.
Obwohl dieser Sänger also in übertriebener Weise der Vergangenheit sich zuwendet (nichts anderes bedeutet „traditionalistisch“), gelangt er, nun völlig in-konsequent, doch zu Innovationen:
„Wenn diese Künstler sich nicht mehr auf tagespolitische Diskussionen einlassen wollen, hat das mit einer Perspektive zu tun, in der die kulturell übergreifende Qualität der Musik die Chance birgt, neue Ausdrucksformen zu generieren.“
Was sagt das Weiße Haus dazu?


©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten