"Nicht X, der Kritikerliebling, sondern einer der beiden Drummer, Y, ist die heiße Herdplatte, die abstrakte Wahrheit, die den Blues der anderen Musiker variiert und zerstreut."
Damit wir uns nicht mißverstehen: dieses Zitat, bereinigt um zwei Namen der Gegenwart, stammt keineswegs aus den fünfziger Jahren, wie man annehmen könnte, wo in vielen Haushalten die entsprechende Kocheinrichtung noch in Gebrauch war ("ah, Sie besitzen einen Miele!"), sondern aus der taz vom 09.07.2010.
X steht für Joshua Redman und Y für Gregory Hutchinson.
Der Satz entstammt einer Rezension (wir sollten vielleicht lieber sagen "Reportage") über das 32. Jazzfestival in Kopenhagen.
Er markiert einen neuen Höhepunkt in der nach oben offenen Skala "Stuss, made in Jazz".
Die Herdplatten-Metapher wird auch dadurch nicht einleuchtend, dass der Reporter, Julian Weber, sie in bildungsbürgerlicher Manier herleitet: "Leidenfrost-Effekt (nach Johann Gottlob Leidenfrost) heißt die Erscheinung, die dazu führt, dass Wassertropfen auf einer heißen Herdplatte entgegen den Gesetzen der Schwerkraft tanzen."
Die Temperatur in Kopenhagen mußt derart beschaffen gewesen sein, dass dem - auch von uns verehrten Gregory Hutchinson - in der Beschreibung Webers ein musikalischer hat trick gelungen ist, der nach Meinung aller Fachleute sich nur ergeben kann, wenn zuvor Ostern und Pfingsten auf einen Tag gefallen sind:
"
Wie er die Changes und Melodieskalen seiner Kollegen in gegenläufige Wirbelcluster auflöst und dabei aussieht, als verteile er Kusshändchen, ist im besten Sinne ´21st Century Jazz".

©Michael Rüsenberg, 2010. Alle Rechte vorbehalten