Die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung*, wir wollen sie loben. Wir tun es seit vielen Jahren.
Die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung ist die Heimat der besten Reporter des deutschen Printjournalismus, hier haben wir Herbert Riehl-Heyse (1940-2003), Peter Sartorius, Carlos Widman, Stefan Klein, Klaus Brill, Kurt Kister kennen- und von ihnen gelernt. Jüngst steht die Seite 3 wieder in voller Blüte, unvergessen ein Stück von Tanjev Schultz über die zentrale Figur der Hodenwaldschule.
Seit Menschengedenken hatte die Seite 3 keinen Jazzmusiker zum Thema. Und wenn jetzt Alex Rühle aus Oxford/New Jersey berichtet, dann kann er nur bei Keith Jarrett zu Besuch gewesen sein.
Rühles Reportage - das kann man von ihr auch nicht erwarten - vermittelt keine neuen Einsichten in die musikalische Welt ihres Protagonisten, es ist eine gut geschriebene homestory über einen Sonderling, anlässlich dessen 65. Geburtstag.
Reporter Rühle hat man eingebleut, dass diesmal sozusagen ein verschärfter Heiner Müller („5 Minuten vor der Zeit ist die wahre Pünktlichkeit“) gilt:
„Bitte dringend zehn Minuten vor da sein, um Punkt vier beginnt das Interview. Jarrett sei in solchen Dingen sehr, sehr heikel.“
Reporter Rühle hält sich dran, trifft um zehn vor Vier den Hausherrn „nur ein Handtuch um die Hüften, barfuß, mit nacktem Oberkörper...Er knurrt: ´Sie sind 20 Minuten zu früh. Ich muss noch essen.´“
Reporter Rühle macht pflichtschuldigst einen Kotau und bekommt zur Antwort: „´Whatever. Ich muss erst mal essen!´ Rumms. Tür zu.“
Später lässt der Herr den Reporter Rühle dann doch rein, er äußert dies & das, tischt erneut seine bekannte Portion Gratismut über das Köln Concert auf: „Man sollte die Platte einstampfen. Das Ding war ein Fluch.“
Reporter Rühle muss schließlich auf dem Hör-Stuhl des Hausherrn Platz nehmen, „Setzen!“, und Samuel Barber hören. „Keith Jarrett in Dolby Surround. Von vorne die Tonnen von Noten aus den Boxen. Im Nacken die Jauchzer de anwesenden Leibhaftigen. Es ist sicher eine freundliche Geste. Aber wie signalisiert man mit dem Rücken, dass man zuhört?“
Am besten nicht husten.

*nun denn, es ist diesmal nicht das Feuilleton

©Michael Rüsenberg, 2010. Alle Rechte vorbehalten