Unterstellt: René Zipperlen hat alle Antworten richtig gehört, richtig transkribiert und richtig übersetzt -
dann bringt
Pat Metheny mit den folgenden Überlegungen (in jazz podium 03/08) den Stuß-Koeffizienten der Frage "Wie politisch ist der Jazz?" an den Punkt, wo Interviews mit ihm in Zukunft die Anwesenheit eines Notartzes erfordern:

METHENY: Brad (Mehldau), Christian (McBride) oder Antonio (Sanchez) teilen meine Sicht des Jazz: nicht dogmatisch, sondern neugierig und offen für jede Möglichkeit zu sein, die man sich erträumen kann. Das jetzige Trio ist deswegen ein kraftvoller Repräsentant einer linken Variante des Jazz.
JAZZ PODIUM: Inwiefern links?
METHENY: Es hat eine nicht-traditionelle Sicht auf Jazz, geht aber gleichzeitig auf einem sehr hohen Niveau mit dem um, was Jazz fundamental ausmacht. Alle meine Lieblingsmusiker im Jazz haben ein tiefes Verständnis für diese Dialektik und gehen damit äußerst eloquent um. Sie wollen keine Nostalgie produzieren, sondern die Musik voranbringen.
JAZZ PODIUM: Das ist aber weder besonders links noch sehr politisch.
METHENY: Für mich ist Jazz im Idealfall ein perfektes Beispiel angewandter Individualität. Gleichzeitig zeigt er, was eine Gruppe gleichgesinnter Individuen erreichen kann, wenn sie auf ein ähnliches Ziel hinarbeiten. In diesem Sinne ist Jazz ganz klar politisch. In Europa hat man das in den 60ern und 70ern doch deutlich gesehen. Jazz in der DDR, der UdSSR, dem Ostblock, zeigte deutlich, was Improvisation bedeuten kann angesichts der schlimmsten gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Ausserdem ist Jazz besonders gut in der Lage, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren. Oftmals ist das aber sehr abstrakt, es gibt nicht die Melodie für ein bestimmtes Ereignis.


©Michael Rüsenberg, 2008. Alle Rechte vorbehalten