Der britische Soziologe Frank Furedi analysiert die Entpolitisierung der Politik (in Die Zeit v. 26.2.04): *Das Vordringen des Managerstiles in die Politik geht Hand in Hand mit dem Siegeszug des Persönlichen.* Auch auf Seiten des Protestes sieht er vergleichbare Tendenzen. Die in Grossbritannien populäre Formel für die Ablehnung des Irak-Krieges, not in my name: *eindeutig ein Protest in der Form des Abkoppelns von der Politik.*

Furedi schreibt nicht über Musik, kein Wort über Jazz, insofern gehörte sein Name eigentlich gar nicht auf diese Seite.

Gleichwohl klingen viele Ausssagen seines Beitrages wie die Begleitmusik zu einer Debatte, die ich neulich geführt habe...sehr kurz nur, denn ihr Gegenstand existiert gar nicht mehr: der Glaubenskrieg zwischen Anhängern verschiedener Jazzstile. Dass jemand einer Darbietung lauthals vorwirft, kein Jazz (mehr) zu sein - lange nicht mehr gehört.

Passt dazu nicht diese Melodie von Furedi? *In der Vergangenheit wurde die rein selbstbezogene Kultivierung des eigenen Standpunkts häufig als
*Sektierertum* bezeichnet. Heutzutage wird dieser Begriff kaum noch verwendet, vielleicht deswegen, weil Bewegungen ohnehin nicht mehr zur Auseinandersetzung mit anderen Strömungen neigen (und dadurch auch nicht mehr verunsichert werden können).*

Leidet der Jazz vielleicht auch deshalb an Hörer-Nachschub, weil sein Monopol auf
Individualismus-Kult lange schon geschmolzen ist?
*Die
Politik des Selbstausdrucks wird von der zeitgenössischen Kultur befördert*, schreibt Frank Furedi. Und wir können ergänzen, dass sie dies in enormer Breite tut, dass der Jazz neben etlichen anderen Genres mitschwimmt.

Würde dies im Umkehrschluss bedeuten, dass neu entstehendes Jazz-Interesse an der Musik selbst sich entzündet und nicht mehr sekundärer, sozialer Motivationen bedarf (das wohlige Aussenseitertum der Jazzfans)?
Nicht der schlechteste aller Gründe, sich dieser Musik zuzuwenden.

©Michael Rüsenberg, 2004. Nachdruck verboten