LEE RITENOUR 6 String Theory *******

01. Lay it down (Ritenour), 02. Am I wrong (Keb´Mo´), 03.L.P. (Ritenour), 04. Give me one Reason (Tracy Chapman), 05.68 (Lukather), 06. In your Dreams (Ritenour, Lukather), 07. My one and only Love (Mellin, Wood), 08. Moon River (Mancini, Mercer), 09. Why I sing the Blues (B.B. King, Dave Clark), 10. Daddy Longlicks (Joe Robinson), 11. Shape of my Heart (Sting, Miller), 12. Drifting (McKee), 13. Freeway Jam (Middleton), 14. Fives (Govan), 15. Caprices Op 20, No 2 and 7 (Legnani)


Lee Ritenour - g, John Scofield - g (1), Keb´ Mo´ - g, voc (2, 9), Taj Mahal - g, voc (2), Pat Martino - g (3), Joe Bonamassa - g, voc (4), Robert Cray - g, voc (4), Steve Lukather - g (5, 6, 11), Neal Schon - g (5, 6), Slash - g (5), George Benson - g (7, 8), B.B. King - g, voc (9), Vince Gill - g, voc (9), Johnny Lang - g, voc (9), Joe Robinson - g (10), Andy McKee - g (11, 12), Mike Stern - g (13), Tomoyasu Hotei - g (13), Guthrie Govan - g (14), Shon Boublil - g (15)
Melvin Lee Davis - bg (1, 13), Harvey Mason - dr (1, 2, 9), Larry Goldings - org (1, 5, 6, 14), ep (2, 4, 9), Nathan East - bg (2, 9), Joey de Francesco - org (3, 8), Will Kennedy - dr (3, 8, 11), Vinnie Colaiuta - dr (4, 5, 14), Tal Wilkenfeld - bg (4, 5, 6), Jimmy Johnson - bg (11, 12), Paulinho da Costa - perc (11, 12), John Beasley - keyb (11, 12, 13), Simon Philips - dr (13)

rec. 12/2009-04/2010
Universal/Concord 0888072319110; LC-Nr 15025

„6 String Theory“, man sollte dem Titel nicht allzu viel abgewinnen wollen, dies ist ein Tonträger - wir sind im Jazz.
Schon diese Standortbestimmung wird viele überraschen, nämlich alle die, welche den 58jährigen, 17-fach Grammy-Nominierten im Schmusefach abgelegt haben.
Richtig, dort gehört er - auch - hin; es ist ein Leichtes, entsprechende akustische Wattebäuschchen in seiner umfangreichen Diskographie zu finden. Niemand aber unterschätze den jazzman Ritenour: er ist nicht nur ein Superhandwerker der Jazzgitarre, er kennt auch ihre Geschichte. Und wenn er sich zu einem Tribut an Wes Montgomery entschließt, wie 1993, dann kann man sicher sein, kein Oberflächen Chi-Chi serviert zu bekommen. Nicht zuletzt sind Aufnahmen von Lee Ritenour, alle!, gut produziert - nicht nur in einem tontechnischen Sinne, sondern auch in interpretatorischer Hinsicht.
„6 String Theory“ ist Lee Ritenours Hommage an sein Instrument, inspiriert durch die Erfahrung, dass man auf „YouTube“ auf engstem Raum eine Vielzahl von Gitarristen/-Stilen passieren lassen kann und er halt viele unterschiedliche Kollege schätze.
Sich selbst eingerechnet hat er 20 hier versammelt. 19 kannte er - den buchstäblich letzen ließ er in einem Wettbewerb ermitteln: es obsiegte Shon Boublil aus Montreal, ein 16jähriger Klassik-Gitarrist (Ritenour stieg einst im gleichen Alter bei den Mamas & Papas ein), der das Projekt mit Capricen eines Zeitgenossen von Paganini beschließt, Luigi Legnani (1790-1877).
Zwar tauchen auch vorher schon akustische Gitarren auf: in „Daddy Longlicks“, wo der 18-jährige australische Fingerpicker Joe Robinson auftrumpft, oder in Sting´s „Shape of my Heart“ und dem Folgetrack, mit Andy McKee.
Die Legnani-Capricen aber, bedeutende Etüden aus der Romantik, fallen vollständig aus dem Rahmen dieses Projektes, das nicht nur im weitesten, sondern auch in einem direkten Sinne afro-amerikanische Umrisse hat: darunter drei reine Blues-Stücke (02, 04, 09), mehrere heavy shuffles (05, 13) und ein Standard (08), der in Teilen von Joey DeFrancesco wie ein Blues gehandhabt wird.
Projektleiter Ritenour ist nicht einmal in allen tracks präsent (insoweit trifft, mit einem Augenzwinkern, das Zitat zu, dieses Album „is not about Lee Ritenour, it is about the guitar“.)
Ritenour selbst eröffnet das Album mit einem Stück, dem man mit jedem Hören neue Aspekte des Eastcoast vs Westcoast Jazzrock entlocken kann. Der Groove führt zurück zum ersten Album von Billy Cobham („Spectrum“, 1973), das Thema im ersten Teil blues-bezogen (Eastcoast), im Hauptteil klar Westcoast. Die solistische Federführung liegt bei John Scofield, dessen „dreckiger“, komprimierter Ton wieder einmal besticht, und selbst im Schlußteil, wo beide gleichermaßen Blues-Phrasen austauschen, wirkt Ritenour eleganter, schlanker.
In „LP“ kommt Ritenour seinem Klang-Ideal wesentlich näher, obwohl Fusion-Gitarrist steht er letztlich doch in der Wes Montgomery-Tradition. Sein Partner in „LP“ (eine Widmung an Les Paul) ist dort noch viel stärker dort verwurzelt: Pat Martino. In diesem mid-tempo swing und in „Moon River“ sitzt Joey DeFrancesco an der Schweineorgel (Hammond B 3), der Schlagzeuger ist Will Kennedy (von den Yellowjackets) - der Groove ist umwerfend!
Steve Lukather, Co-Produzent in drei Stücken, führt sich in „68“ mit einem Hammerschlag ein: ein schwerer Shuffle, wie ein Schreittanz, mit der Rhythmusgruppe von Jeff Beck (Vinnie Colaiuta, Tal Wilkenfeld) und heavy metal Background.
Noch deutlicher ist der Wink an Jeff Beck mit der Übernahme von dessen Paradestück „Freeway Jam“. Dieser Shuffle to outshuffle all shuffles verhält sich zu Beck wie „Take Five“ zu Dave Brubeck: er wird weniger mit dem Komponisten (Max Middleton) verbunden (im Falle „Take Five“, Paul Desmond) als mit dem Interpreten. Die Hauptrolle gebührt hier Mike Stern, Lee Ritenour und der japanische Rock-Star Tomoyasu Hotei assistieren lediglich im „vamp out“ (ein schöner Begriff für ein geblendetes Schluß-riff).
Apropos „Take Five“ - ein 5/4 ist auch dabei. Gleich im Anschluß an „Freeway Jam“ rast ein neuer Pyrotechniker, Guthrie Gowan aus England, wiederum mit der Jeff Beck-Rhythumsgruppe durch ein Gebiet, das von Leuten wie Frank Gambale und Greg Howe reichlich bestellt ist. Auch hier fungiert Projektleiter Ritenour als Präsentator und wirkt selbst gar nicht mit.
Apropos Greg Howe: den hätte man sich hier gut vorstellen können (wie so viele andere), es ist müßig, diesem Gedanken zu folgen. Aber, was wirklich verblüfft: wo ist Larry Carlton?
„Larry & Lee“ (1994), man hat die beiden Westcoast-Studiocracks schon lautmalerisch so leicht im Ohr, dass auffällt, dass der eine hier abwesend ist - dass er fehlt, möchte man nun wirklich nicht behaupten.
„6 String Theory“ bietet in 68 Minuten ein reiches Menu mit Jazz-, Rock-, Blues- und Folk-Ingredienzien (nebst einer etwas deplazierten Klassik-Nachspeise). Lee Ritenour setzt sich damit (wieder) ins Recht, viele hätten ihm das gewiß nicht zugetraut.

erstellt: 02.08.10

©Michael Rüsenberg, 2010, Alle Rechte vorbehalten


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