BILL BRUFORD & MICHIEL BORSTLAP In Concert in Holland ******

CD/DVD: 1. Prologue (Borstlap), 2. Game of Chess, 3. Conception, 4. Camilla, 5. Two Left Shoes (Bruford, Borstlap), 6. Mister B.B. (Borstlap), 7. Arabian Quest (Bruford, Borstlap)
DVD bonus 8. Happenstance (Bruford, Borstlap), 9. Peacock Strut, 10. Sintar Klaas is Boos, 11. Round Midnight (Monk, Williams, Hanighen)

Bill Bruford
- dr, Michiel Borstlap - p, keyb

rec 3.11.2002 (CD/DVD) + 28.2.2004 (DVD bonus)
Summerfold BBSF008CD

www.billbruford.com

Für dieses Konzert am 3.11.02 in Nijmwegen/Holland, veranstaltet von der niederländischen Programmgesellschaft NPS, durfte
Michiel Borstlap sich einen Duo-Partner aussuchen. Die Wahl des niederländischen Pianisten, der u.a. eine Komposition im Repertoire von Herbie Hancock & Wayne Shorter placiert hat, fiel auf Bill Bruford.
Bruford und Piano-Partner, hatten wir das nicht schon mal?
Yes, Sir! 1983 sowie 1985 mit dem - gleichfalls - ex-
Yes-Mann Patrick Moraz.
Das neue Unternehmen (dessen zweite Veröffentlichung ist
hier rezensiert) knüpft allenfalls formal am Vorgänger an, Borstlap ist pianistisch denn doch anderen Zuschnitts als Moraz, er spielt weitaus jazznäher. Aber auch nahe genug?
Das Nijmwegen-Konzert trägt alle Anzeichen eines
Debüts, insbesondere wenn man sich spöter seiner Eindrücke auf der DVD vergewissert. Bruford wartet ab, hält sich zurück, bei "Conception" erhebt sich sogar vom Schemel und verfolgt stehend, was Borstlap vorzulegen gedenkt.
Borstlap hat ein Heimspiel, gleich im ersten Stück zeigt er einen Grossteil seines Arsenals: eine keyboard-Figur a la Zawinul, ein bisschen swing, aber auch
Semi-Klassik, wie sie bei dem an Rachmaninoff und Chopin geschulten (er gibt übrigens immer noch Klassik-Konzerte) immer wieder einfliesst.
Die Performance insgesamt ist von jener Spontaneiät, wie sie Bruford Monate später in Interviews immer wieder als Charakteristikum dieses Duos proklamiert. Das wird nirgends deutlicher als im DVD-bonus-track "Sintar Klaas is Boos": Bruford schnappt von Borstlaps
Moderation nur "Santa Claus" auf, Titel und Piano-Intro des folgenden Stückes sind ihm mit Sicherheit unbekannt. Ein schönes Beispiel improvisierter Musik.
Apropos DVD
bonus tracks: sie sind über ein Jahr spöter, am 28.2.04 bei einem Konzert in Maastricht entstanden. Der Ton ist schlechter, mitunter ist ein Störton darunter, nur eine Kamera verfolgt die beiden. Diese Dreingabe ist bestenfalls semi-professionell und entbehrlich - wie übrigens auch die halbgare Realisierung einer naheliegenden Idee, nämlich Bruford mit seinem Humor und Sprachvermögen seinen Berufsalltag schildern zu lassen. Hierin liegt immer noch eine reizvolle Aufgabe für eine professionelle TV-Dramaturgie.
"In Concert in Holland" dokumentiert also zum überwiegenden Teil das
erste Zusammentreffen dieser beiden Grössen, die inzwischen schon mehrere Tourneen - auch in Japan - absolviert haben. Ein jeder setzt zunächst sein übliches Besteck ein. Das von Borstlap ist bereits beschrieben, in den Abläufen ist er im Grossen und Ganzen der dominantere Impulsgeber (im Gegensatz zu späteren Konzerten, beispielsweise auch "Every Step a Dance..."). Borstlap verlässt sich ganz auf sein grosses Repertoire an Phrasen und patterns, die er nach Belieben abwandeln kann - und Bruford antwortet darauf mit seinem immer wieder eindrucksvollen Besteck. Häufig ein Einstieg mit volltönenden Bewegungen über den gesamten drum set, dann Verschlankung auf Muster, in denen häufig die cowbell durchdringt.
Schlagzeuger, die gern Handsätze studieren, werden vermutlich aus dem professionellen Nijmwegen-Video ihren Nutzen ziehen, weil eine Kamera häufig dem Meister seitlich von hinten auf snare und toms "schaut".
Es gibt mehfach hoch-dynamische Pasagen der beiden, beispielsweise in "Game of Chess" oder in "Two left Shoes", wo Bruford etwas
house-artiges am keyboard vorgibt und Bruford mit einemr von dere cowbell geführten Rock-Maschine antwortet.
Diese Reduzierung auf den Austausch von Phrasen hat was, die kleine Form entbehrt gewiss nicht der Spannung. Wenn später aber, wie auf "Every Step a Dance..."
Erfahrung hinzutritt, erweitert sich der Formenvorrat, es steigt die Abwechslung und der Jazz-Anteil - aber eben auch die Erkenntnis, dass Michiel Borstlap ein "amtlicher" Jazzpianist nicht ist.

©Michael Rüsenberg, 2004, Nachdruck verboten