Stefan Koelsch, 51, nein nicht geboren in der Domstadt, sondern in Wichita Falls/TX, gehört zu den Koryphäen der musikbezogenen Hirnforschung.
Er hat am Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften  in Leipzig geforscht, an der Harvard Medical School sowie an der FU Berlin. Seit 2015 ist er Professor für biologische Psychologie, medizinische Psychologie und Musikpsychologie an der Universität Bergen/N.
Wo es richtig zur Sache geht, da ist Koelsch mittenmang, zum Beispiel wenn der Index N400 ERP diskutiert wird, wie in seinem Hauptwerk „brain & music“ (2012). Es steht selbstverständlich bei uns im Regal.
stefan koelschNun drängt es Koelsch heraus aus den weltweiten Fachzirkeln an die breite Öffentlichkeit. Und das geht nicht mit einer weiteren Erörterung „neuroanatomischer Korrelate“, sondern über das Aufbrezeln größerer Zusammenhänge, beispielweise „Die heilende Kraft der Musik“, unter der Flagge eines Beach Boys-Titels „Good Vibrations“ (bei Ullstein, 384 S., 22 Euro).
Für einen Forscher vom Schlage Koelsch´s ist das ein seltener, ja ein erstaunlicher Schritt. Aber, er ist bei einem populären Verlag und spielt willig mit, gibt Interviews sonderzahl, verallgemeinert wie erwünscht, aber banalisiert nicht.
Nur, in einem Gespräch, mit Psychologie Heute (07/2019), lehnt er sich denn doch weit aus dem Fenster. Zu weit.
„Können Sie ein konkretes Musikstück nennen, das Ihrer Erfahrung nach ´antidepressiv´ wirkt?“ wird Professor Koelsch gefragt.
Normalerweise hätte man hier von einem Forscher seines Ranges eine Antwort erwartet, die von Relativierungen geprägt ist und sich mit Hinweis auf die je individuellen Umstände und die musikalische Sozialisation eines Patienten einer Festlegung entzieht.
Aber nein, Koelsch empfielt wie aus der Pistole geschossen:
„Menschen mit Depression können Standard Time Vol. 6 von Wynton Marsalis probieren: Das Album fängt mit einem traurig klingenden Blues an und geht dann über zu optimistischen und ermutigenden Stücken.“
Wir haben natürlich sogleich das entsprechende Album aus dem schon erwähnten Regal gezogen und wie geheißen mit dem ersten Stück zu hören begonnen: „Red Hot Pepper“.
Es stammt von Jelly Roll Morton (1885-1941), der nach diesem Stück 1926 dann auch seine Band benennt.
cover marsalis standard 6Erster Höreindruck: das Stück ist mitnichten „traurig“, sondern ein ausgesprochen heiteres Stück in der typischen Varianten-Heterophonie des New Orleans Jazz.
Und, ist es wenigstens ein Blues, wie von Koelsch behauptet?
Die Frage ist nicht so rasch zu beantworten. Der Blues kennt so viele Formen, und nach vielen Diskussionen mit Manfred Miller, Bernd Hoffmann und Maximilian Hendler tappen wir nicht mehr so schnell in die europäische Falle vom „traurigen 12-Takter“.
Aber, auch nach mehrmaligem Hören will sich einfach keine Blues-Struktur zu erkennen geben.
Um nun ganz sicher zu gehen - immerhin gilt es, die Aussage eine führenden Hirnforschers zu falsifizieren - Anfrage in der Welt-Haupt-
stadt der Blues-Identifizierung … in Graz, in der Steiermark, in der Folgegeneration des Bluesforschers Alfons Michael Dauer (1921-2010).
Vier Ohren (hochspezialsierter Mustererkennung) befinden dort: 

„Es ist eindeutig KEIN Blues.“
Die nächste Empfehlung von Professor Koelsch („bei Schlafstörungen“) lassen wir beiseite, irgendwas mit Goldberg-Variationen und Kernöl- ups, jetzt haben wir was durcheinander gebracht.

erstellt: 16.06.19
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