Ein Jazzmusiker veröffentlicht auf einem Pop-Label.
Das mag man für eine Errungenschaft halten.
Die rezeptionsästhetischen Folgen sind beträchtlich.
Denn nun steigen Kritiker, pardon: Zirkulationsagenten, in den Ring, die wenig Übung haben im Beschreiben der Musik, aber viel feeling im Blick auf die Großwetterlage, auf den nicht-akustischen Beifang.
Und wenn dieser sich auch noch im leiblichen Umfang einer biblischen Mannesgestalt präsentiert, inspiriert ein solcher Jazz-Prophet seine neuen Jünger zum Rückgriff auf einen Psalm, der schon im Alten Testament nicht unumstritten war:
„Herr, aus tiefer Ahnungslosigkeit rufe ich zu Dir!“

So geschehen jüngst auf Spiegel Online, wo Andreas Borcholte die Heimat des Propheten (na, wer kann das schon sein?) als ein Land beschreibt, „(erstarrt) in Ritualen und Altersrheuma“.
Am rettenden Ufer aber sei ihm nun ein Album gelungen, das „ungefähr“ nichts weniger ist als „eine Reflextion darüber, wo die Menschheit sich gerade befindet“.
Wir malen uns aus, wie denn die Wirkung wäre, würde dieser Jazz-Superheld, im übrigen ein mittelmäßiger Saxophonist, von schmaler Statur sein.
Von Gestalt vielleicht wie Mark Turner (der im übrigen ja auch politisch Abgwegiges von sich gibt, aber wer weiß das schon?), und wie jener mitteleuropäisch gekleidet und nicht im „traditionell afrikanischen Daishiki Gewand“-…
würden die Zirkulationsagenten nicht fragen: „Kamasi, who?“

erstellt: 23.06.18
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