Der Unterschied zwischen Branford und Wynton Marsalis war bis dato durch Instrumente und eine abweichende Haltung zur Jazz-Geschichte bzw. -Ästhetik markiert.
In jüngster Zeit freilich vollzieht sich ein eigentümliches crossover: Handeln & Reden gehen immer weiter auseinander.
Wynton, 55, gab lange Zeit, vor allem in der TV-Serie von Ken Burns, den großen Definator; er bestimmte, wo der Jazz beginnt (bei Jelly Roll Morton) und wo er aufhört (irgendwo zwischen dem mittleren und dem späten Miles Davis).
In seiner Praxis als Chef von Jazz at Lincoln Center lässt er aber längst etliche außerhalb seines Kanons zu, Eric Clapton, John Zorn, sogar Cecil Taylor.
Als Ausweis der liberaleren Haltung von Branford, 56, galt demgegenüber immer seine Mitgliedschaft in der Band von Sting oder der abgedrehte Funk seiner eigenen Buckshot LeFonque-Aufnahmen (1994 und 1997).
In einem Interview mit der NZZ
 überrascht Branford nun mit Wyntonesken Überlegungen.
Auf die Frage, ob - wie der Pianist Ethan Iverson meint - durch Musiker wie Kamasi Washington die afro-amerikanische Tradition des Jazz gestärkt und damit ein „jüngeres, größeres Publikum für Jazz“ gewonnen werden könne, entfährt es Branford:
„Jazz ist eine afroamerikanische Tradition. Wenn es nicht afroamerikanisch ist, ist es nicht Jazz“!
Man kann verstehen, dass der Interviewer Ueli Bernays konsterniert ist und nicht gleich auf Keith Jarrett oder Bill Evans oder Pat Metheny verweist, immerhin ECM fällt ihm ein:
„Oft ist das nicht wirklich Jazz“, antwortet Branford. „Und ich verstehe gar nicht, weshalb man das unbedingt Jazz nennen soll, aber so what...Vielleicht können all die Musiker nicht Jazz spielen. So spielen sie immerhin, was sie spielen können.“
Die Attitüde des Gönners befremdet außerordentlich in diesem Interview, wo er abrückt von einigen Jazz-Klischees.
Etwa das „Besondere“ am Jazz sei die Improvisation:
„Dabei wird seit Jahrhunderten in fast allen Musiktraditionen improvisiert. Neu am Jazz ist einzig der Swing - und die verminderte Quinte.“
Für den Satz „traurig zu tönen, ist das Schwierigste auf dem Saxofon“ wird ihm der Beifall der Musikpsychologie sicher sein (die ihn ergänzen würde, wie schwierig es ist, Trauer und Zärtlichkeit instrumental auseinanderzuhalten).
Für seine Antwort auf den ersten Vorhalt, Kamasi Washington rette den Jazz, bekäme er unser aller Beifall:
„Aber das ist natürlich Quatsch!“
Für den Anschlußsatz aber nicht: „Erstens halte ich seine Musik nicht unbedingt für Jazz...“
und schon gar nicht Beifall für die folgende oldschool Wynton-These:
„Den Jazz aber würde Washington erst dann retten, wenn er seine jungen Zuhörer dazu bringen könnte, ein Album von Louis Armstrong, von Lester Young oder von John Coltrane zu kaufen.“
Wir warten auf den ersten nicht-afroamerikanischen Jazzmusiker von Rang, der sich diesen Gedanken zu eigen macht.

 

erstellt: 03.06.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten