Immer wieder dienstags...kommt die Verwunderung.
Da erklären uns Mitarbeiter der SZ die Großwetterlage des Jazz.
Am Tag nach Weihnachten kam ein im Westen bekannter Radiomann, meinungsstark, faktenarm, zu dem Schluß, "der Jazz könnte überleben".
Heuer begibt sich der andere der beiden Feuilletonchefs, Andrian Kreye, auf den Feldherrnhügel und diktiert dem kranken Patienten die Voraussetzungen seiner Genesung:
"Warum der Jazz neue musikalische Maßstäbe braucht, wenn er überleben will".
Auffällig zunächst, dass dazu offenbar nicht ein Vertrag bei ECM nötig ist, ja der zentrale Jazz-Glaubenssatz des SZ-Feuilletons ("ECM ist gut") taucht in keiner Variante auf.
Dafür aber krause Gedanke, groteske Bezüge und Widersprüche bis zum Abwinken.
In welcher "Musiktheorie" fänden wir beispielsweise für die "atemberaubenden Momente kollektiver Improvisationskraft" den Begriff ... "Pulse"?
Einerseits behauptet Kreye: "Es gibt für den Jazz derzeit kaum Raum, um sich zu entwickeln. Es fehlt an Clubs, an Plattenverkäufen und an gesellschaftlicher Akzeptanz".
(Hat sich die Musik Jazz je von diesen dreien abhängig gemacht?)
Und findet ein paar Absätze später "ein Trio aus Jazzstudenten in Toronto" (Badbadnotgood), die  erkannt hätten, "wohin das revolutionäre Moment der Musik abgewandert" sei, nämlich zu Improvisationen über Vorlagen "aus dem progressiven HipHop". Man möchte vor Lachen den Notarzt rufen.
Aber, waitaminute, diesen Jazz-Studenten stellt Kreye wenig später zur Legitimation einen Pianisten namens Matthew Tavares (kennt den wer?) zur Seite, mit der aberwitzigen Behauptung:
"Heute schert sich aber niemand mehr darum, wie gut man sein Instrument spielt."
Muß man sich wundern, dass jemand, der nicht mal die Zeit zu Ornette Coleman´s "FreeJazz" (1961) korrekt zurückzurechnen vermag ("nach vierzig Jahren..."), feuchte Knallfrösche auslegt wie diesen hier:
"Der Modern Jazz aber war dezidiert darauf ausgelegt, Analyse unmöglich zu machen und die intellektuelle Debatte in Abstraktion aufzulösen."
Wo hat der Mann die letzten vierzig, pardon: fünfzig Jahre verbracht?

©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten