Jazz kann die Welt nicht verändern - wohl aber die Demokratie.
Dieser Satz,
Thomasz Stanko zugeschrieben, ist entweder grober Unfug oder eine Binse, je nachdem in welchem casus man "Demokratie" versteht, im Akkusativ oder im Nominativ.
Der Satz taucht auf im Umfeld der Berichterstattung über ein Projekt der
Freien Universtität Berlin, das einer Frage nachgehen will, die grundsätzlich interessiert: die politische Wirkung des Jazz in den staatssozialistischen Ländern Osteuropas.
"Jazz im Ostblock- Widerständigkeit durch Kulturtranfer", angesiedelt am Osteuropa-Institut der FU, will in acht Teilprojekten die "Wirkungsparadigmen des Jazz im Staatssozialismus...beschreiben."
Gewissermaßen "stanko-isch" muten freilich einige Überlegungen der
Projektdetails an. So heißt es einerseits:
"Formen politischen, zielgerichteten Widerstands lassen sich im ostmitteleuropäischen Jazz kaum beobachten", anderseits aber hätten "so ´unpolitische´ Erscheinungen wie simple Spiel- und Improvisationsfreude oder die Existenz einer vom Regime schwer zu kontrollierenden Jazz-Szene" diese Musik im Ostblock "unweigerlich zu einem Politikum ersten Ranges" gemacht. Mhm.
Und, sind die folgenden Alternativen wirklich "Pole", also sich ausschließende Gegensätze, oder nicht doch als historisch aufeinander folgende Phänomene denkbar?:
"War Jazz einer der Keime für die spätere Zivilgesellschaft oder gelang es den Herrschaftsträgern, Jazz als Feld gesellschaftlicher Opposition gleichsam ´stillzustellen?´"
Die Wissenschaft, so hatten wir doch immer gedacht, schaut genauer hin, sie stellt präzisere Fragen als die gemeine Jazzpublizistik - und wird in diesem Falle mit 350.000 Euro aus der Volkswagenstiftung unterstützt.
Wiedervorlage für Anfang 2010, wenn das Projektteam an der FU Berlin eine "theoretisch und empirisch abgesicherte These zur gesellschaftlichen Wirkung des Jazz im Staatssozialismus" vorlegt.

©Michael Rüsenberg, 2008. Alle Rechte vorbehalten