Die Süddeutsche Zeitung (18.05.07) stellt "Überlegungen beim Hören konservierter Musik" an. Das ist, in den Tagen von iPod, mp3 und AAC, ein lobenswertes Unterfangen. Leider geht die SZ der Frage nach der "Seele der Töne, wo verbirgt sie sich?" unter Ausschluß von Tontechnikern und Psychologen nach, sondern exklusiv mit Hilfe philologischer Geister unterschiedlichster Fraktionen.
Unter diesen ist
Manfred Eicher (neben Joachim Kaiser wohlgemerkt, der von den Wonnen eines knisternden "Charly-Parker-Mitschnitts" berichtet) sicherlich der Star.
Eicher ist als Chef von
ECM eine Produzentenpersönlichkeit solcher Bedeutung, daß man ihn in eine Reihe mit großen Verlegern stellen möchte. Umso mehr muß man also auf seine "Sieben Thesen zum Augenblick des guten Hören" gespannt sein, hat Eicher doch nicht nur den wunderbaren Slogan "the most beautiful sound next to silence" creiert, sondern ihn mit zahllosen Aufnahmen auch bestmöglich akustisch realisiert.
Schauen wir uns deshalb, pars pro toto, Eichers
These 4 genauer an:
"Ein Klang bedarf der Selbständigkeit. Es ist heute üblich geworden, ihn auf mannigfaltige Weise zu verändern, ihn zu komprimieren und ihm andere Farben zu geben. Mit derartigen Verfahren ist für die Musik nichts zu gewinnen. Im Gegenteil: Eine solche Interpretation des Klanges dient dem Hörer nur zu einer Spiegelung seiner persönlichen Befindlichkeit im Medium der Musik."
Dieser wohlklingenden Poetik darf man nichts wortwörtlich abnehmen, ihre Metaphorik führt in die Irre - und weit weg vom ECM-Katalog.
Wie müssen wir uns ihn denn vorstellen, den "Klang, der der
Selbständigkeit bedarf?"
Wird er durch die ausgesucht schönen ECM-Covers nicht schon in dieser Eigenschaft bedrängt?
Wer wäre sein Gegenspieler, vielleicht der "unselbständige" Klang?
Die konservative Ästhetik, die man hier mehr erahnt denn schlüssig formuliert findet, steht im Hinblick auf Eichers Arbeit vollkommen überkreuz mit seiner hier protokollierten Ablehnung klanglicher Transformationsverfahren. Wenn damit "für die Musik nichts zu gewinnen" sei - ja warum hört man dann das
Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble bei ECM, vom Klang-Rabauken David Torn ganz zu schweigen?
Schließlich die merkwürdige Abwertung der "Spiegelung (seiner) persönlichen Befindlichkeit im Medium der Musik."
Eicher hat recht, diese Haltung nervt unendlich - bei anderen. Man selber käme herzlich gerne ohne sie aus.
Aber, wer hat das je geschafft: der Musik schlechthin zu dienen, so ganz ohne Absichten, und seien sie noch so uneigennütziger Natur?



©Michael Rüsenberg, 2007. Alle Rechte vorbehalten