Hallelujah! Das nennen wir eine Osterbotschaft, urbi et orbi: der Jazz hat es ins Feuilleton der FAS, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, geschafft!
Nicht mit Nora Jones, Lisa Bassenge oder sonstwelchen Frollein-Stimmen, sondern mit "
A Love Supreme". Fast eine ganze Seite lang.
Schon in der Unterzeile wird die Neugier gebremst. Autor ist
Joseph von Westphalen, dessen Harry-Duckwitz-Romane sind recht vergnüglich, aber mehr wegen der Weibergeschichten, nicht der oldtime-Marotten wegen, mit denen er jene und den Leser nervt.
Dieser Joseph also macht sich auf, ausgestattet mit Buch (von Ashley Kahn) und CD, seine "Meinung über ´A Love Supreme` zu überprüfen", auf einer langen Autobahnfahrt.
Dass der Joseph von Coltrane wenig hält, ("einen Jazz, der mir nicht in die Beine fährt, muß ich nicht unbedingt haben"), dass er Coltrane mit neumodischen Vokabular abzustrahlen versucht ("Geil ist diese Musik tatsächlich in keiner Weise.
Weder geil noch cool") - so what! Schlimmer schon, dass er den späten nicht vom frühen Coltane zu scheiden weiss ("...folgt auf die Nennung des Namens Coltrane mit Pawlowscher Gewißheit das Wort ´spirituell´").
Je nun, der Jupp ist Schriftsteller, dem muss man sprachlich ein längeres Präludium gönne´ könne´.
"Bald hinter Würzburg, Richtung München" endlich nimmt er allen Mut zusammen und legt die CD ein. "Die Konzentration auf die rutschige Straße erhöhte auch die Konzentration auf die Musik, das urige Pflügen durch den Matsch entsprach der Urigkeit dieser Klänge, die mir alles andere als spirituell vorkamen."
Das war´s denn auch schon. Das war sprachlich der Höhepunkt von Joseph´s "langer winterlicher Autofahrt zu John Coltrane". Wieder daheim, liest er mit Gewinn in Kahn´s Buch, kann mit der Musik erneut nix anfangen. Alles auf Anfang. Lieber ist ihm
Coltrane & Monk "Live At The Five Spot Discovery" - "sogar das Anzünden der Zigaretten hört man - Fluidum statt Spiritualität."
Wenn´s um Jazz geht, hat´s das deutsche Feuilleton gern kuschelig, die Zeit, da Berge von Kerzenwachs auf
VAT 69 Flaschen sich türmten, sie darf nie vergehen.
Wann schickt die
FAS jemanden auf die Piste, um zum Werk von - sagen wir - Sir Simon bei M & S Wetter zu finden?

©Michael Rüsenberg, 2005. Nachdruck verboten