NIK BÄRTSCH´S RONIN Llyrìa *****

01. Modul 48 (Bärtsch), 02. Modul 52, 03. Modul 55, 04. Modul 47, 05. Modul 53, 06. Modul 51, 07. Modul 49_44


Nik Bärtsch - p, Sha - ss, as, bcl; Björn Meyer - bg, Kaspar Rast - dr, Andi Pupato - perc

rec. 03/2010
ECM 2178; LC-Nr 02516

Thema dieser Musik ist das, was Bill Bruford metric modulation nennt. Das geht weit über Polyrhythmik hinaus, ja man wird schwerlich eine aktuelle Produktion auftreiben, wo die „binäre“ Rhythmusauffassung (wie sie in überwiegend in Funk- und Rock-Mustern vorliegt, nicht in den „ternären“ des swing) differenzierter entfaltet wird als im Ensemble Ronin unter Leitung des Zürcher Pianisten Nik Bärtsch.
Das kann man paradigmatisch an den ersten vier Takten des openers studieren: das Piano gibt in neun gleichmäßigen Viertelnoten den Grundbeat vor, vier Takte lang. Sopran-Saxophon und eine weitere Piano-Linie setzen aber nicht nach diesem Vorspiel ein, also mit Zählzeit „1“ des fünften Taktes, sondern zwischen „8“ und „9“ des vierten Taktes. Ein wunderbarer offbeat-Start, der alsbald die beiden gleichen Linien ineinander verschwimmen lässt. Ab 3:30 verschiebt sich die Architektur des Stückes abermals, weil der Schlagzeuger fast unmerklich einen Shuffle-Rhythmus einführt, also ein ternäres pattern.
ronin-coverUnd so kann man bald Stück für Stück nach rhythmischen Kunstgiffen durchforsten: track 2 ist eine Suite mit diversen Tempi und Grooves, „Modul 55“ erinnert im Anfangsintervall an Elvis´ „Jailhouse Rock“, kommt auch ansonsten eher „afro-amerikanisch“ daher, wieder mit einem Shuffle. In track vier erneut polymetrisch verflochtene Linien, in fünf das Piano mit Reggae-Feeling, die Themen von track 6 bleiben lange offen und setzen sich dann auf einen Groove a la Billy Cobham („Stratus“, 1973).
Im Schlusstück scheint das Schichten von melodischen patterns wie in der Minimal Music auf die Spitze getrieben - ohne die wahnsinnige Rhythmusgruppe, insbesondere in der improvisatorisch anmutenden zweiten Hälfte, bräche die weiträumige Verknüpfung von ostinato-Figuren auseinander.
Björn Meyer und Kaspar Rast verkörpern in dieser Hinsicht einmal mehr eine große Tradition des Schweizer Jazz (vgl. Nils Wogram Lush).
Wie gesagt, Polyrhythmik, Polymetrik, beat displacement und dergleichen Spezereien erklingen hier bis zum Abwinken, wer avancierte Funk-Rhythmik studieren will, kommt hier voll auf seine Kosten.
Vielleicht weil Nik Bärtsch visuell jeden Anflug von Eidgenossentum abstreift, zugunsten eines irjenswie „asiatisch“ anmutenden Kahlschädels und irjenswie fernöstlicher Kleidung, sind seit dem Debüt des Quintetts auf dem deutschen Tonträgermarkt 2006 Wortmarken wie „Ritual Groove Music“ oder „Zen Funk“ im Umlauf. Sie sind ähnlich albern wie seinerzeit das Wort vom „Bürgerschreck“ Zappa - und werden sich vermutlich ähnlich hartnäckig halten.
Sie sind bestenfalls Verlegenheitslösungen, um die mitunter zuckersüße Oberfläche dieser Musik zu benennen, und die meisten Beschreibenden bleiben daran hängen.
Und eben diese Ebene - das Melodische - ist ihr Problem. Die avancierte Rhythmik trägt keinen entsprechenden Überbau, nicht selten hat man den Eindruck: tolle Rhythmustracks - wann kommt das Thema?
Wann kommt mehr als die immergleichen Kürzel von - zugegeben brillant aufgenommenen - Piano, Altsaxophon und Baßklarinette?
Wer Ohren hat zu hören, der hält sich dort nicht lange auf, weil er kein Futter findet - und taucht besser gleich hinab in die dichten Rhythmusgeflechte dieser Produktion.

erstellt: 31.01.11
©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten

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