MARC COPLAND & GREG OSBY Night Call ****

1. Autumn Wind (Copland), 2. Cyrille in Motion (Osby), 3. Echoes of another (Copland), 4. Night Call, 5. Cire (Osby), 6. Skippin´ around (Copland), 7. A time ago, 8. Forge (Osby), 9. Soul Eyes (Mal Waldron)

Marc Copland
- p, Greg Osby - as

rec 4.11.2003

Nagel Heyer 2048; LC-Nr 10356
www.nagelheyer.com

Wir dürfen davon ausgehen: Marc Copland und Greg Osby, die
Künstler, sowie ihr Produzent, Frank Nagel-Heyer, sind erwachsene Menschen; die wollen das so, wie es hier klingt, die folgen nicht irgendeinem hype - dafür ist der Ertrag dieser Unternehmung viel zu gering. Nicht zuletzt werden sie durch positive Rezensionen in der Absicht dieses Projektes unterstützt.
Dieser kleine Eiertanz zum Auftakt ist deshalb nötig, weil unsereins so recht nicht glücklich wird mit dieser Produktion, ebensowenig wie mit dem Vorläufer "Round and Round" (2002). Als Copland-
Fan traut man sich mit Bedenken ja nur ungern hervor, zumal die beiden Künstler im booklet gegenseitigen Respektes sich versichern (Osby zieht obendrein auch photographisch den Hut) und dies ohne die Erfahrung einer ästhetischen Befriedigung gewiss nicht täten.
Warum also rumnörgeln und eine Meinung kundtun, der etliche andere entgegenstehen - mit gleichem Recht, denn dass den beiden etwas unterläuft, was man als "falsch" dequalifizieren könnte, darf man ausschliessen.
Nun sind aber Kritiker - gottlob - nicht dazu berufen, die
Intentionen der Musiker zu verstärken, sondern gewissermassen als "erste Hörer" zu urteilen. Das kann ins Auge, pardon: ins Ohr gehen - und zwar auch dann, wenn die Abweichung gar nicht auffällt.
Wenn beispielsweise, wie oft geschehen, der Kritiker etwas lobt, was der Künstler spätabends, "ganz unter uns", erheblich niedriger hängt.
Also, ich behaupte, der Piano-Poet, der Balladenphantast, der
rubato-Meister Marc Copland ist hier kaum zu erkennen, und wenn dann erst im letzten track, "Soul Eyes". Da kommt auch Greg Osby zu einer wärmeren, mehr inspirierten Artikulation. Wohingegen mit anderen Stücken, beispielsweise dem boppigen "Skippin´ around" oder der "Autumn Leaves"-Paraphrase "Autumn Wind", jeder blindfold test gewonnen würde: niemand käme auf den Gedanken, hinter diesem kalten, phrasenhaften Austausch Marc Copland und Greg Osby zu vermuten.
Das nämlich ist das
Problem dieser Konstellation: sie nötigt Copland mehr als sonst, Rhythmiker zu sein, wohingegen sonst, insbesondere in seinem Trio, sein pianistischer Farbenreichtum im Kontrast zur Rhythmusarbeit der anderen erwächst.

erstellt: 5.1.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Alle Rechte vorbehalten

Drucken   E-Mail