Der Besucher verlässt die Landeshauptstadt und das opulente Theaterhaus mit der Gewissheit: der deutsche Jazz kann feiern.
Jedenfalls, wenn es um einen wirklich Großen geht und dazu an zwei Abenden an die tausend Repräsentanten der Bürgergesellschaft sich einfinden. Sie mag andernorts demographisch ähnlich zusammengesetzt sein, ihre Künstlerverehrung und ihre Feierlaune ebenso groß, aber vom Outfit her wird sie schwerlich dem Stuttgarter Modell gediegener Alt-Freaks gleichen.
Paradigmatisch dafür der Hausherr Werner Schretzmeier, den man seine 71 nun wirklich nicht ansieht. Er hat die Lederjacke mit irgendeinem Knitter-Schwarz eingetauscht und gibt sich als nicht technologie-affin zu erkennen. Das kommt gut an auf den Rängen: wie er diejenigen abbügelt, die später ihr iPhone oder iPad einsetzen wollten. Ihre jeweiligen Nachbarn legitimiert er, den so Auffallenden mit einem kurz Schlag auf den Hinterkopf zu Wackelbildern zu verhelfen.
Die 980 hielten sich daran. Am Ende aber, nach über zwei Stunden, bei der wohl sechsten standing ovation, gab´s kein Halten mehr. Für das Bild jener sich artig verneigenden Künstlerschar mochte sich keiner mehr auf die professionellen Bildreporter verlassen.
Man ist dabei gewesen, einen so denkwürdigen, sentimentalen, ja historischen Abend muss man selber festhalten, ein Profiformat kann das bestenfalls ergänzen.
Denn es wurde Geschichte geschrieben an jenem Abend, Geschichte, die weit über jene „deutsche Jazz-Geschichte“ hinausreicht, die der Jubliar, am Vortag 75 geworden, mit dem Untertitel seiner druckfrischen Autobiographie proklamiert.
Es wurde sogar Technologie-Geschichte geschrieben im Theaterhaus Stuttgart. Wann hat man im Jazz einen Schlagzeuger gesehen (Danny Gottlieb), einen Bassisten (Scott Colley), einen Gitarristen (Pat Metheny), einen Dirigenten (Helge Sunde), die ihr timing an einem click track ausrichten? (der SWR Big Band wurde die „1“ der wechselnden Rhythmen per Rotlicht angezeigt.)
Sie waren Mitwirkende einer logistischen Meisterleistung: Metheny hatte um ein paar Weber-Baßsoli (auf der Videowand) herum eine komplett neue Suite notiert.
Dafür stand sicher „Résumé“ Pate, die letzte CD von Eberhard Weber, wo dieser mit Hilfe von keyboards und Freunden (Jan Garbarek, Michael DiPasqua) ein Dutzend seiner Baß-Soli strukturell aufbrezelt. Metheny aber geht weiter: er begnügt sich mit drei oder vier Videos - und schneidet sie nicht nach visuellen, sondern nach akustischen Parametern.
Man sieht & hört Weber minutenlang, und die Big Band spielt dazu; dann aber blitzt er auf der Videowand nur für einen einzigen Ton auf, dann wieder wird eine Phrase geloopt, ein andermal schiebt Metheny dem Leinwandhelden eine call & response Passage mit dem Live-Bassisten Colley unter.
„Inspired“, eine 40 Minuten Hommage an Eberhard Weber - ohne einen einzigen Ton von ihm (in der Partitur), eine Feier des Anderen durch das Eigene: wann zuvor sind deutsche und amerikanische Jazz-Ästhetik so ineinander geflossen wie in diesem locker klingenden Kraftakt von Pat Metheny? Der dafür sogar eine 135-Städte-Tournee unterbrochen hatte.
Der Jubilar saß für diesen zweiten Teil des Abends in der ersten Reihe, staunend, denn auch für ihn war das eine Premiere.
Im ersten Teil hatte man ihn am rechten Rand der Bühne plaziert, als launiger Ansager vierer Big Band Arrangements seiner Musik (ein fünftes fiel der vorangeschrittenen Zeit zum Opfer, Weber war zuvor der Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg verliehen worden, die Reden, die Ovationen nahmen glatt 45 Minuten ein).
Man muss schlucken, wenn man ihn, der seit einem Schlaganfall 2007 halbseitig gelähmt ist, auf die Bühne wackeln sieht, mit den Tränen kämpfend ob des tosenden Empfangs. Entspannung dann, wenn er den Mund aufmacht - an Eberhard Weber ist ein Conferencier verloren gegangen.
Die Arrangeure, sagt er, hätten machen dürfen, was sie wollen. Ja, hätten sie das mal nur gemacht! Es fehlten Knaller wie „The Colours of Chloe“ oder „Seriously Deep“, die Umsetzungen wirkten ehrfürchtig-brav, einzig Libor Sima kitzelte in „Street Scenes“ eine Ahnung jener Vitalität hervor, die ihn Webers Werk oft vorhanden ist.
Hier zeigten sich quasi regionale Grenzen der Auswahl, denn bis auf Michael Gibbs stammten die Arrangeure aus dem Kreis der Landesjazzpreisträger Baden-Württemberg. Nicht auszudenken, was ein John Hollenbeck, ein Darcy James Argue (von Django Bates ganz zu schweigen) aus dem wohl größten Melodiker des deutschen Jazz herausgekitzelt hätten.
Eberhard Weber ist das Ländle, und es ist eindrucksvoll, wie es ihn feiert - aber er ist eben auch größer als das.

Theaterhaus Stuttgart, 23.01.2015, Gruppenbild mit Jubilar:
Helge Sunde, Scott Colley, Michael Gibbs, Gary Burton, Danny Gottlieb, Paul McCandless, Eberhard Weber, Jan Garbarek, Manfred Schoof, Pat Metheny (von links).
erstellt: 24.01.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten