JOZEF DUMOULIN A Fender Rhodes Solo *****



01. Amber (Dumoulin), 02. Dissolve, 03. Rapid Transportation, 04. That, 05. Warm Black, 06. Inner White, 07. The Entry Point, 08. Observing Disorder, 09. The Red Hill Medicine, 10. Sungloves, 11. Honeycombm, 12. Try Four, 13. Safety Orange, 14. Questioning the Heroic Approach, 15. And if, remember, 16. Uncountable small Actions

Jozef Dumoulin - ep


rec. 29.03. - 04.04.2013
Bee Jazz BEE 065

JOZEF DUMOULIN & THE RED HILL ORCHESTRA Trust ********

01. Sea Green (Dumoulin), 02. Water Bears (Dumoulin, Eskelin, Weiss), 03. M (Dumoulin), 04. Sleeping Warriors (Dumoulin, Eskelin, Weiss), 05. Lord blue Throat (Dumoulin), 06. All the Dragons in our Lives, 07. Up and down, 08. Now that I have a human Body (Dumoulin, Eskelin), 09. The Gate (Dumoulin), 10. Said a Blade of Grass, 11. Sea Green

Jozef Dumoulin - ep, keyb, Ellery Eskelin - ts, Dan Weiss - dr



re. 10. + 11.06.2014

Yolk Records J2063

Das Fender Rhodes Electric Piano, 1965 erfunden von Harold Rhodes,  ist bestens verankert in der Jazzgeschichte (und im Rhythm & Blues), dauerhafter als der Synthesizer oder die keyboards, worin erster technologisch und begrifflich aufgegangen ist.
Kein Mensch wagt sich heute noch mit pitch bend a la Jan Hammer auf die Bühne, aber das Fender erfreut sich einer langen Renaissance (häufig übrigens mit Fender Rhodes-Klängen, die in einem keyboard modelliert werden).
Etliche haben erfolgreich ihren „akustischen“ Personalstil auf das elektro-akustische (nicht elektronische!) Instrument übertragen, Chick Corea und Herbie Hancock (George Duke eher am Wurlitzer) und einige mehr, in neuerer Zeit wäre Adam Benjamin zu nennen. Und abgesehen von einem Australier namens Dave MacRae mit einer riesigen Feedback-Fahne (auf dem Nucleus-Album „Belladonna“, 1972) haben sich nur wenige für das klangliche Innenleben des Gerätes interessiert.
Das Fender Rhodes Electric Piano erklang meist phat & funky.
Bis Jozef Dumoulin kam. Er ist von Jahrgang 1975, geboren in der belgischen Provinz südwestlich von Gent, hat mit Psychologie angefangen, ist nach zwei Jahren an das Konservatorium in Brüssel gewechselt und hat auch zwei Jahre an der Musikhochschule Köln verbracht, als Schüler von John Taylor.
Anfang des neuen Jahrtausends findet das Fender Rhodes sein Interesse. Und, obwohl er sich der Tradition des Instrumentes nie so recht verbunden fühlte, ließ er sich „in das Instrumente hereinfallen“.
Er wollte die Herangehensweise an das Fender Rhodes völlig umkrempeln. Zwei Dinge waren dafür ausschlaggebend: die Verbindung des Instrumentes zum Spiel der Gitarristen (darüber später mehr) und zur „Electro Music“. „Mir wurde klar, das Instrument würde mich musikalisch und technisch voran bringen.“
Für dieses Album, das erste Fender Rhodes Solo-Album in der Geschichte des Jazz, setzte er sich gleichwohl vier Beschränkungen:
1. nur Fender Rhodes, 2. nur Improvisationen aufnehmen, 3. aus diesen Aufnahmen tracks mit „normaler“ Spielzeit isolieren und 4. overdubs vermeiden.
„Bezüglich der Effekte erlaubte ich mir alles.“
cover-dumoulin-soloUnd das ist, es was dieses Album von allen vorherigen mit diesem Instrument abhebt. Ja, man hört auch gelegentlich die perlenden Kettenläufe, die es so populär gemacht hat.
Aber meist hört man was bislang niemand aus diesem Instrument herausgeholt hat: Feedback, Rauschen, rückwärts laufende Klänge, orgelartige Klänge, loops, glitches (gezielte Fehlbedienungen) wie in Electronica, abrupte Tonhöhenwechsel, und gegen Schluß auch einige drones.
Nur selten erlaubt sich die Produktion akustische Fenster zur großen Geschichte dieses Instrumentes, meist schwimmt sie in einem stilistischen Niemandsland, fernab von „Jazz“ und weitaus näher zu soundart und Elektro-Akustischer Musik (vermutlich zielt Dumoulin mit „Electro Music“ darauf ab).
Es ist ein Experiment, 16 Puzzleteile, die sich nicht zu einem Ganzen fügen; die discographische Tatsache, der erste zu sein, macht ästhetisch jedenfalls nicht satt.
cover-dumoulin-trustWas dem Solo-Album fehlt, machen die ersten Momente des Trio-Albums klar: Dumoulin tritt heraus aus der Selbstgenügsamkeit und konfrontiert sich mit starken, wirklich starken Partnern.
Seit 2006 lebt Josef Dumoulin in Paris. Ein Zuschuss des French-American Jazz Exchange ermöglichte ihm, Ellery Eskelin, ts, und Dan Weiss, dr, aus den USA in ein Pariser Studio zu bringen.
Was vorher selbstreferentiell klang, ist nun geerdet; ohne ein yota von den Klangexperimenten abzuweichen, gehen sie nun in benennbaren Formen auf.
Es kommt Groove dazu, vor allem weil Dumoulin mit der linken Hand Bassläufe auf einem keyboard spielt (Julia Hülsmann hat diese Technik höchst eindrucksvoll beim letzten Moers Festival eingesetzt), ja manchmal geht´s auch in Richtung Jazzrock a la Zawinul - bloß dass Dan Weiss metrische Zusammenhänge, sobald sie sich etabliert haben, wieder auflöst. Ja, wir hören Shuffle, Marsch, 3/4 Takt, aber alles nur angedeutet. Und das macht die Sache so spannend.
Jetzt wird wird auch klar, was Dumoulin mit „Spielweise der Gitarristen“ meint: vor allem in rubato Balladen lässt er Akkorde anschwellen wie Bill Frisell.
Jozef Dumoulin ist in Frankreich der Mann der Stunde. Soeben hat er mit einem anderen Piano-Neuerer ein Album aufgenommen, mit Benoit Delbecq!

erstellt: 23.12.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten