VIJAY IYER Compassion ******

01. Compassion (Iyer), 02. Arch, 03. Overjoyed (Stevie Wonder), 04. Maelstrom (Iyer), 05. Prelude: Orison, 06. Tempest, 07. Panegyric, 08. Nonaah (Roscoe Mitchell), 09. Where I Am (Iyer), 10. Ghostrumental, 11. It Goes, 12. Free Spirits/Drummer’s Song (John Stubblefield, Geri Allen)

Vijay Iyer - p, Linda May Han Oh - b, Tyshawn Sorey - dr

rec. 5/2022

ECM

Vijay Iyer, das muss man ihm lassen, hat nun wirklich ein Händchen für Albumtitel.
Damit ist weniger eine poetische Sprachfantasie angezeigt, sondern ein geradezu linguistisches Talent, für das Unbeschreibbare Wörter zu finden. Die dann im Sinne einer Rezeptionssteuerung nachhaltig wirken.
Das war bei „Uneasy“ so, dem ersten Album mit diesem Team. Damals in Gestalt politischer Assoziationen zu einer instrumentalen Musik.
Das wiederholt sich nun mit "Compassion". Wie auch immer man dieses Wort übersetzen mag, mit Mitgefühl, Barmherzigkeit oder Erbarmen - in seinen liner notes rückt Iyer diesen Begriff erst an zweite Stelle.
Vielmehr interessiert ihn ein anderer Begriff, nämlich „Inspiration“. Nun könnte man Vijay Iyer jederzeit einen musikphilosophischen Essay zu der Frage zutrauen, „what it means to say that an instrumental piece can be ´about´ something.“
Man würde mit Spannung erwarten, wie der Hardvard-Professor vielleicht die Kurve kriegte von der Bildenden Kunst, beispielsweise von Arthur Danto (der bei Andy Warhol und seinen Brillo Boxes die Kunst von der Nicht-Kunst unterschieden hat), zum Jazz, der, wie er natürlich weiß, als instrumentale Musik nicht propositional ist, also keine Aussagen treffen kann.
Aber, Iyer unterdrückt den Akademiker in sich, er bleibt in seinem realm, seinem Beritt, als Musiker, und er richtet obige Frage an einen anderen langjährigen Partner, den Trompeter Wadada Leo Smith. Der nun antwortet, es sei die Inspiration, durch die ein Kunstwerk seine Authentizität, seine Identität und seine Bedeutung erlange.
Woraufhin Iyer seinem Freund beipflichtet: „Smiths Erkenntnis besagt, dass Musik sich immer mit der Welt um uns herum befasst, von ihr belebt wird und ihr Ausdruck verleiht: Menschen, Beziehungen, Umstände, Enthüllungen.“
Da haben wir sie wieder, die Allerweltserklärung zu (fast) einer jeden Musik: immer richtig, immer schwer zu belegen (welches Element spiegelt denn nun welchen Menschen?) - aber so wirksam, dass z.B. ein Autor in einem deutschen Jazzmagazin glaubt, dass „Compassion“, entstanden im Mai 2022, in der Spätphase der Corona-Pandemie, heute aufgenommen ganz anders klänge.
Jetzt müssten eigentlich nur noch die Seismologen auf diesen Seismographen aufmerksam werden.
Waitaminute, wenn das Wort zum puren Klang hinzutritt, dann erfahren wir doch etwas über „Menschen, Beziehungen, Umstände, Enthüllungen“ (W.L. Smith).
Und auch dafür sind liner notes da. Da erfahren wir hier zum Beispiel etwas über die Repertoireauswahl. Das beantwortet zwar noch immer nicht die Frage, „what an instrumental piece of music is ´about´“, aber immerhin erhalten wir eine Art Ersatzantwort.
cover iyer compassionWarum zum Beispiel greift Vijay Iyer hier einen alten Song von Stevie Wonder auf?
Weil ihm ein Jahr nach dem Tod von Chick Corea (1941-2021) „ein wundervolles Piano“ geliehen worden war.
Es war dasjenige, auf dem der Verstorbene in einem seiner letzten Konzerte eben dieses „Overjoyed“ interpretiert hatte.
Eigentlich muss er gar nicht erwähnen, dass sich das Stück beim Herumspielen auf diesem Instrument nicht in seiner originalen Form aufdrängte, sondern „wie aufgebrochen durch (seine) Aura“. Pianostilistisch packt er es an, als säße McCoy Tyner daran.
„Arch“, so lesen wir, ist Archbishop Desmond Tutu (1931-2021) gewidmet, und sowohl „Maelstrom“, „Tempest“ und „Panegyric“ seien für „Tempest“ komponiert worden, ein den Opfer der Pandemie gewidmeten Projektes beim Brooklyn!Festival 2021.
Wohingegen das Thema von „Prelude: Orison“ einer anderen Komposition von ihm stamme, nämlich „For my Father“.
Ein Stück von Roscoe Mitchell hat er ausgewählt, und - wie so häufig und auch zuletzt - eines von Geri Allen, zum unmittelbar wiederholten Male also „The Drummer´s Song“.

Zum Abschluss hat er dieses hypnotische riff zusammengespannt mit einem Souljazzstück von John Stubblefield („Free Spirits“). Bei 2:16 springt er in der Pianofigur in eines der beiden Allen-riffs, reduziert es dann auf einen Takt mit zwei Schaukel-Akkorden, um es dann fünf Minuten in einer Art offenen Soul-Manier fortzuführen (die Amerikaner haben dafür den schönen Begriff des „bringing it home“).
„Free Spirits / Drummer’s Song“ bildet mit „It goes“ (ein Piano-Solo-Blues) und „Ghostrumental“ (Gospel-gesotten, basierend auf einem 1-Takte-vamp mit Vorschlag) eine stilistisch stimmige Trilogie zum Abschluss des Albums.
Es ist mehr als dasjenige zuvor ein Feature für Linda May Han Oh, die bald in jedem Stück auch solistisch hervortritt, zum Beginn von „Panegyric“ auch in einem Duo mit Iyer.
Nicht wenige, darunter auch ernstzunehmende Stimmen, sind erneut überwältig von Tyshawn Sorey. Diesen Eindruck vermag JC nicht recht zu teilen. Was davon abhält, sind gewiss keine handwerklichen Einwände, sondern ästhetische, stilistische.
Sorey spielt da, wo es angeraten wäre, z.B. in den groovenden Passagen, wenig tight; er spielt, wie eine Art „später Jack DeJohnette“, über die Akzente hinweg - ohne dass dies den Rang der „drum concertos“ eines Tony Williams erreichen würde.
JC bleibt dabei. Und gibt dem Iyer-Trio von „Break Stuff“, 2014, mit Marcus Gilmore, dr, den deutlichen Vorzug.

erstellt: 13.03.24
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