„Die Zahl der professionellen Musikerinnen und Musiker, die eigene musikalische Wege gehen“, so lässt sich auch der Deutsche Jazzpreis in szenetypischem Jargon auf seiner Webseite vernehmen, 
„wächst in beachtlichem Maße (…) Viele Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker aus Deutschland haben eine eigenständige Stimme entwickelt und finden national und international hohe künstlerische Anerkennung.“

Allerdings hat der Preis, auch Albert-Mangelsdorff-Preis genannt, den Geschlechter-, pardon Gender-Aspekt, in der schönen Aufzählung bisher vernachlässigt.
Seit 1994 wird die mit satten 15.000 Euro dotierte Auszeichnung alle zwei Jahre vergeben. Überwiegend legitimierte sie sich als Anerkennung für Lebenswerke, von Alexander von Schlippenbach (1994) über Ernst-Ludwig Petrowsky (1997) bis Eberhard Weber (2009) belohnte sie Veteranen, so unstrittig wie langweilig.
Seit 2013 (Nils Wogram) und 2015 (Achim Kaufmann) richtet sich der Fokus mit einem Hauch von Wagemut auch auf Leistungen in der Lebensmitte der Pramierten. In einer ersten Probe 2003 war dieser Mut freilich in Übermut gekippt, als mit Ulrike Haage eine MusikerIN bedacht wurde, deren Relevanz für den Jazz auch im weitesten Sinne klein und seither um keinen Nanometer gewachsen ist.
Die Saxofonistin und Echo Preistragerin Angelika Niescier mit ihrem Saxophon
2017 hat sich der Preis vortrefflich eingenordet: biografisch und gender-mäßig trift er in Angelika Niescier, 47, eine Ideal-Konstellation.
Nämlich eine Saxophonistin, die nicht nur auch mit Amerikanern gearbeitet, sondern von ihnen auch ein entsprechendes Bühnenverhalten gelernt hat.

 


erstellt: 06.09.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


Während der oberste Repräsentant des Landes, wie SZ-Korrespondent Hubert Wetzel berichtet, laut seiner Tweets "von dem Sturm mehr begeistert (...) als entsetzt" zu sein schien und es bei einem Besuch im Kastrophengebiet fertig bringt, nicht mit einem einzigen Opfer in Kontakt zu treten, sorgt sich die Jazz Foundation of America um die "Blues, Roots and Jazzmusicians deep in the Heart of Texas".
An nur einem Tag hat sie Hilferufe von 70 Szenemitgliedern vernommen, darunter einem Musiker/Produzenten Mitte 70, dessen "historisches Studio" komplett abgesoffen ist.
Die Jazzfoundation hat früher schon in New Orleans ("Katrina") und New Jersey ("Sandy") sowie bei der Flut in Baton Rouge geholfen.
Sie engagiert sich jetzt in Houston und bittet um Spenden.
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erstellt: 30.08.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Geri Allen 2

 

Anfangs nannten wir sie „Yoruba-Prinzessin“; sie war jung, hübsch und wurde auf Covers auch so inszeniert. Für uns sah sie aus wie eine Angehörige vom Stamm der Yoruba in Nigeria, jedenfalls wie wir sie auf den Straßen von Lagos Mitte der 80er meinten identifiziert zu haben.
Sie bedurfte dieses Bonus´ gar nicht. Ihr Klavierspiel war von Anfang an so hypnotisch, dass wir sie genausogut princess of vamps hätten taufen können.


Ähnlich klingt es in der Beschreibung von ex-Mahavishnu-Bassist Ralphe Armstrong: „Sie war der weibliche Herbie Hancock des Pianos“ - ein Satz, den man, gut gewürzt mit einer Prise Sexismus-Verdacht, mit Leichtigkeit missverstehen kann.
Aber Armstrong weiß, was er sagt. Er kannte Geri Allen seit dem 14. Lebensjahr, aus der Cass Technical High School in Detroit. Seinen Satz versteht er als Vorhalt zu dem Hinweis, sie habe „dieselbe Rhythmusgruppe wie Miles Davis“ eingesetzt (Ron Carter, Tony Williams, „Twenty One“, 1994).

„Um mit einer solchen Rhythmusgruppe arbeiten zu können“, nun der volle Armstrong, „muss man zur Elite gehören“.
Und Geri Antoinette Allen, geboren am 12. Juni 1957 in Pontiac/Mich.,  aufgewachsen in Detroit, die Mutter Regierungsangestellte, der Vater Schuldirektor, gehörte zu Eliten.
Von der Ausbildung her: Jazz-Bachelor an der Howard University in Washington D.C., ein Master in Musikethnologie an der University of Pittsburgh. Die letzten vier Jahre ihres Lebens hat sie dort verbracht, als Professorin dieser Universität und Leiterin des Jazz Studies Programme.
Ihre Wiederkehr 1982 nach New York City (wo sie zuvor von Kenny Barron unterrichtet worden war) führte sie gleich wieder in eine Elite: mit der Rhythmusgruppe Anthony Cox, b, und Andrew Cyrille, dr, entstand 1983 ihr Debütalbum „The Printmakers“.
Schon dort und gleich im Anschluss in der M-Base Community fällt sie auf mit ihren „craggy rhythms“, den „zerklüfteten“ Rhythmen, wie sie ein Detroiter Klassik-Kritiker nicht ganz unzutreffend beschrieben hat:
riffs
, vamps, häufig ungerade, häufig afrikanisch inspiriert.
„Die Musik in den meisten afrikanischen Gesellschaften integriert alle Künste, insbesondere Tanz“, hier spricht 2012 die ausgebildete Musikethnologin. Und sie spricht implizit auch über die eigene Praxis (zu der später auch ein tap dancer gehört).
Der Jazzteil ihres artist statement klingt 1996 so: „Mein Interesse heute besteht in dem Versuch, sehr sorgfältig und informiert Herbie Hancock, McCoy Tyner und Cecil Taylor zur Kenntnis zu nehmen; die haben das Piano bis an den Rand gebracht. Meine Herausforderung sehe ich darin, inmitten dieser drei Stimmen meine eigene zu finden.“
Dieses ambitionierte Vorhaben, gar nicht so fern von Ralphe Armstrong, und vielleicht ergänzt um die vierte Stimme „Monk“, ist ihr über weite Teile der 80er und 90er Jahre geglückt; eine Avantgardistin, die tanzt, eine große Stilistin.
Auf mehr als einem Dutzend eigenen Alben und noch mal so vielen Gastauftritten bei anderen kann man das staunend verfolgen, von Betty Carter über Ornette Coleman bis Charlie Haden und Wallace Roney, ihrem Ehemann; mit dem sie drei Kinder hat, inzwischen geschieden.
Geri Allen 1
Spät erst, 2006 und 2011, absolviert sie eine Aufgabe, der man sich als MusikerIN offenbar nur schwer entziehen kann: ein Tribut an eine große VorgängerIN, in diesem Falle an Mary Lou Williams.
Hier sollen nicht Ursache und Wirkung beschrieben werden…aber dies fällt in eine Zeit, wo ihre Entourage nicht mehr durchgängig aus Eliten besteht und der große Ruhm zunehmend historisch aufgeladen erscheint.
Am 27. Juni 2017 ist Geri Allen in Philadelphia einer Krebserkrankung erlegen, kurz nach ihrem 60. Geburtstag.

Nachruf SWR2, 21.9.


erstellt: 28.06.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Zunächst war da … der Schnäuzer.

Gerade erst hatte ein anderer John, ein sehr glatt rasierter, die Grenzen des Genres verschoben, da musste sich die Jazzrock-Gemeinde an den nächsten John gewöhnen.
JOhn AbercormbieAn den mit dem Schnäuzer; sehr dunkel eingangs, später in unmerklichen Veränderungen, ins in Graue, ja ins Schlohweiße sich tönend.

Und man ist versucht, den langen Bogen dieser Farbausbleichung ins Analog zu setzen zu den gestreckten Linien seiner Soli, die sich doch sehr von dem staccato des anderen John absetzen.

Obwohl, anfangs, bei Barry Miles 1972 beispielsweise, später auch bei Billy Cobham, hatte dieser John das kurze feedback, die schreienden Linien durchaus auch im Programm.
Dies gilt vor allem für sein erstes eigenes Album, „Timeless“, 1974, ein ganz großer Wurf, nomen est omen, ein zeitloser Jazzrock.
Mindestens zwei Stücke zucken McLaughlin-esk, „Lungs“ und vor allem „Red Orange“, beide geschrieben von Jan Hammer. Wenn heute Hudson sich in die Nachfolge von Tony Williams Lifetime (1969) stellt, möchte man darüber lachen: John Abercrombie, 1974, mit der nervösen Hammer-Orgel im Nacken - das war Lifetime-Nachfolge!
Das Album enthält in nuce alles, was in Jahrzehnten später hinzutrat:

den „akustischen“ Gitarristen („Love Song“  und „Remembering), den Jim Hall-Einfluss in „Ralph´s Piano Waltz“, hier mit Orgel statt Piano gespielt, ein Stück, das über Jahre immer mal wieder hervorholte.
Mag er auch den Synthesizer gelegentlich hinzugeschaltet haben - sein Ton wurde schlanker; in Quartetten (u.a. mit Peter Erskine, Marc Johnson, zuletzt Marc Copland, Drew Gress und Joey Baron), im Orgeltrio (mit Dan Wall), immer mal wieder mit Jack DeJohnette.

In kleinen Besetzungen fühlte er sich wohl.
Geboren am 16. Dezember 1944 in Port Chester/NY, fand er über den Gitarristen Barney Kessel zum Jazz. Er hat relativ lange am Berklee College of Music in Boston studiert, 1962-67. 1969 zog er nach New York und gehörte alsbald zu Dreams, einer Vor-Gruppe der Brecker Brothers.
Neben fast 40 Alben als leader hat er auf zahlreichen als sideman mitgewirkt, von Gato Barbieri bis Kenny Wheeler.
Er hat eine distinktive Stimme auf seinem Instrument.
Im Frühjahr hatte er einen Schlaganfall erlitten, am 22. August 2017 ist John Laird Abercrombie an Herzversagen gestorben, er wurde 72 Jahre alt.

erstellt: 23.08.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten


 

Wir wissen zwar, wer kommt (Nadine Deventer), aber wir wissen nicht was kommt. 2018.
Also, Vorfreude auf die letzte Saison von Richard Williams.
Unter seinem von Ornette Coleman entlehnten Motto
„In all Languages“ werden sich alle wohlfühlen, insbesondere jene, die sich mit Verweis auf das Jazz-Schallplatten-Centenial 2017 in der Binsenweisheit ausruhen, „dass der Jazz, während er seinen kostbaren afroamerikanischen Kern bewahrt, ganz ungeachtet ihrer Herkunft alle diejenigen willkommen heißt, die auf ihrem Recht bestehen, anders zu sein, Orthodoxie zu hinterfragen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen zu finden” (Williams).
Er führe zum ersten Mal in 54 Jahren Jazzfest Berlin einen artist in residence ein, tönt es vorab, in einem noch unvollständigen Vorecho auf das Programm 2017.
Ein Blick ins Archiv lehrt, dass Williams´ Vorgänger Bert Noglik 2012 mit  Nils Wogram etwas sehr Ähnliches praktiziert hat: er hat ihn in vier verschiedenen (seiner) Formationen präsentiert.
Wenn Tyshawn Sorey 2017 „sowohl mit seinem Trio als auch in neuen Formationen mit Berliner Musiker*innen zu erleben ist“, wird dieser Status im Festival so bangig premierenhaft also nicht sein.
Das Festival vergibt „großformatige Projekte“ an zwei Trompeter: Ambrose Akinmusire aus den USA und an den irakisch-amerikanischen Musiker Amir ElSaffar.
Steve Lehman kommt wieder; nach dem hammerharten, betörenden Konstruktivismus des letzten Jahres kommt er jetzt u.a. mit zwei Rappern.
Kit Downes erscheint mit den neunköpfigen Trondheim Voices; Shabaka Hutchings mit seinen „Vorfahren“ (Ancestors), Musikern aus Südafrika; Ingrid Jensen, tp, mit ihrer Schwester Christine, sax und dem Gitarristen Ben Monder.

Die Tradition der Schweineorgel ruht diesmal in den Händen von Dr. Lonnie Smith.
Am anderen Ende der Fahnenstange hat Williams das derzeit wohl schärfste Piano-Trio plaziert: Kaja Draksler, p, Petter Eldh, b, Christian Lillinger, dr, die im Januar in Münster (Foto) eine ungemein vibrierende Premiere hatten.

Draksler Trio 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

erstellt: 11.07.17
©Michael Rüsenberg, 2017. Alle Rechte vorbehalten