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ZOOOM TRIO What´s for Dessert ******

01. Trial & Errol (Lorenzen, Helm, Mahnig), 02. As Things are now, 03. Chinaski (Mahnig), 04. The Heart´s Song Lorenzen, Helm, Mahnig), 05. Grimish, 06. Everyday the run (Mahnig), 07. 1911 (Lorenzen), 08. Wasting your Time in the Underwear Department (Lorenzen, Helm, Mahnig), 10. Jim Velvet (Lorenzen)

Christian Lorenzen - ep, synth, David Helm - b, Dominik Mahnig - dr, efx

rec. 25.08.2014

Leo Records CD LR 724, LC 5417

Sind die elektronischen keyboards auf dem Rückzug im Jazz?
Jedenfalls werden derzeit ihre elektro-mechanischen Vorgänger neu erkundet. Der belgische Pianist Jozef Dumoulin erobert dem Fender Rhodes Electric Piano Klangfelder, die man vorher noch nicht gehört hat.
Christian Lorenzen tut nämliches mit dem älteren Bruder, dem 1955 entwickelten Wurlitzer Electric Piano. Lorenzen kommt nicht gar so weit wie Dumoulin, aber immerhin verschwimmen - wenn ordentlich fuzz hinzugesetzt wird, wie im Eröffnungstrack - die klanglichen Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden.
Gegenüber dem Fender zeigt das Wurlitzer nämlich sonst ein eher eingeschränktes, „wärmeres“ Klangbild - kein Wunder, dass Soulbrüder wie Ray Charles, Josef Zawinul und George Duke es dunkel zum Leuchten bringen konnten.
Das populärste staccato auf dem Instrument klebt untrennbar an „Dreamer“ von Supertramp, und der erste Einsatz im Jazz erfolgte 1956, schon ein Jahr nach seiner Erfindung, durch ... Sun Ra (1914-1993).
Christian Lorenzen, geboren 1982 in Kiel, in dem Jahr, als die Produktion des Wurlitzer eingestellt wurde, dürfte diese Vorgeschichte sehr gut kennen, denn er zieht seine eigenen Schlüsse daraus. Wie gesagt, er weitet das Klangfeld erheblich, vor allem aber befreit er es konzeptionell aus seiner sicheren Funktion als blue note-Lieferant und etabliert es neben seinen „seriösen“ Verwandten und Vorläufern im Kontext Improvisierter Musik. Das hat primär natürlich mit seinem Gestaltungswillen zu tun, den wir bereits aus dem fabelhaften Doppeltrio Makkro kennen.
cover zooomtrioDort wie hier zeigt er ein Händchen für riffs, die nicht kompositorisch geplant wie ein Hammer dreinschlagen, sondern sich peu a peu aus dem Spielfluss erheben. Ein wunderbares Beispiel dafür ist „Trial and Errol“ (ja, dieses Triooo hat eine Vorliebe für kleine glitches der Rechtschreibung). Nach einem langen Intro von ca 4:00, die frei-metrisch verlaufen, schält Lorenzen ein Pattern heraus, spitzt es später mit reichlich Verzerrer zu, worauf die Rhythmsugruppe langsam in einen hypnotischen FreeRock-Groove gleitet. Großes Durchatmen bei 11:00, woraufhin das Stück auständelt mit Klängen, die die Mechanik des Wurlitzer geradezu herausstellen.
Lorenzen hat mit Master an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln abgeschlossen, ebenso wie David Helm, Jahrgang 1990, einst Mitglied der Limburger Domsingknaben (vielleicht hat er an der Seite von Franz-Peter Tebartz-van Elst zum Gotteslob beigetragen).
Dominik Mahnig, geboren 1989 in Willisau/CH ist ein Schüler von Gerry Hemingway (Luzern, Bachelor) und Jonas Burgwinkel (Köln, Master).
Drei aus der an Talenten unentwegt sprudelnden Quelle MHS Köln; und man fragt sich, was die Professoren Dieter Manderscheid und Joachim Ullrich dort so anders machen, dass ein vergleichbares Sprudeln von den 17 anderen Hochschul-Jazz-Ausbildungs-stätten in Deutschland einfach nicht zu vernehmen ist.
„Chinaski“ (alter ego des US-Schriftstellers Charles Bukowski) rückt das Wurlitzer dem Klang eines verzerrten Vibraphons nahe, angereichert um ein kurzes Echo. Der Groove ist Jazzrock, aber nicht seventies style, sondern polyrhythmisch mit wechselnden Akzenten.Überhaupt sind alle Rhythmen des Trios, auch da wo es swingt, selten tight gespielt, sondern meist im Sinne einer gebrochenen Ästhetik.
„Grimish“ und „Wasting your time...“ kommen ähnlich rockig daher, „Jim Velvet“ mit geraden Achteln gar beat-sixties- geprägt, noch dazu mit einer Synthie-Parallel-Linie. Man könnte es freilich melodisch auch als verstecke Hommage an Radiohead deuten.
„What´s for Dessert“ ist vom Trio selbstproduuziert. Das führt, wie nicht selten zu beobachten, zu editorischen Fragwürdigkeiten.
Beispielsweise das kurze „The Heart´s Song“, das offenbar als spontane Klangcollage gedacht, nicht recht von der Stelle kommt, oder das an sich sehr tragfähige „Wasting your Time...“, das man bei 2:22 am Ende wähnt, weil die Ausblende zu diesem Eindruck verleitet. Dann schleicht sich eine aparte Coda ein, die man nun wirklich gerne „erarbeitet“ gehört hätte.
Einen repäsentativen Eindruck der Band vermittelt dieses YouTube-Video.

erstellt: 08.08.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten