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PAT METHENY UNTIY GROUP Kin (⇐⇒) *******

01. On Day One (Metheny), 02. Rise up, 03. Adagia, 04. Sign of the Season, 05.Kin (⇐⇒)m 06. Born, 07. Genealogy 08. We go on 09. KQU

Pat Metheny - g, g-synth, electronics, synths, orchestronics, Chris Potter - ss, ts, cl, bcl, afl, fl, Antonio Sanchez - dr, cajoon, Ben Williams - b, bg, Giulio Carmassi - p, tp, tb, frh, vc, vib, cl, fl, rec, as, ep, voc

rec. 06/2013
Nonesuch 7559-79581-0, LC 00286

Dieses Ensemble, das sei noch einmal wiederholt, „vereinigt“ nichts; es ist nach dem Geburtsort des Bandleaders in Missouri benannt, zugleich Hauptquartier der Unity Church. In deren Band war, neben Vater und Bruder, eine Zeitlang auch Pat Metheny engagiert, als Hornist.
Der kleine Wechsel in der Benennung (aus Unity Band, 2012, wurde jetzt Unity Group) signalisiert durchaus inhaltlichen Wandel: das Ensemble ist zu einem Quintett angewachsen, weil es jetzt wieder quasi einen Lyle Mays hat. Er heisst zwar nicht so, sondern Giulio Carmassi, soll aus der Toskana stammen und spielt obendrein neben keyboards noch etliches andere.
Aber seine Funktion ist doch ganz ähnlich: er ist der Mann für den Hintergrund, für die Klangflächen, die Verzierungen, sein Status als Solist reicht keineswegs heran an den des Bandleaders oder den von Chris Potter.
Diese Pat Metheny Unity Group steht, mit anderen Worten, viel mehr als das fast gleichbesetzte Quartett in der Tradition der Pat Metheny Groups über mehrere Jahrzehnte bis 2003.
„Kin (⇐⇒)“ bietet wieder mal Grosses Kino.
cover-metheny-kinTypisch dafür der opener, eine 15-Minuten-Suite mit dem Titel „On Day One“. Im rubato-Vorspiel die erste Kantilene (von vielen) des Tenorsaxophonisten Chris Potter.
Der darauf folgende Groove hat es in sich: die bassdrum gibt 4/4 vor, der Kontrabass legt ein 11/8 riff darüber, das Hauptthema wird von Gitarre und Marimba ausgeführt, das Tenor gesellt sich im B-Teil hinzu. Polyrhythmik vom Feinsten.
Es folgt ein thematischer Einschub mit Varianten, bis das Tenor das Hauptthema noch einmal aufgreift, nun aber in Sechzehntelketten tremolierend ausführt.
Yes, folks, das ist thematisch-motivische Arbeit, wie sie der gemeine Jazzkomponist gerne scheut, allenfalls das Big Band-Lager heisst solcherlei Aufwand willkommen. Berücksichtigt man noch die Klangfarbenwechsel sind bis dahin 3 Minuten und 50 Sekunden semi-Sinfonik vergangen.
Und dann kommt, was kommen muss - das Jazz-Solo. Man muß sich buchstäblich daran gewöhnen, denn das Verschieben motivischer Blöcke hatte einfach so weiter gehen können. Metheny, der das erste Solo hat, wirkt ernüchternd, erst Chris Potter gelingt es, nach einem Zwischenspiel, der Jazz-Ästhetik (die ja nun mal auf den improvisierenden Solisten nicht verzichten kann) mit einem feurig Brecker´esken Solo Geltung zu verschaffen. Die Rhythmusgruppe erleichtet ihm dem Job, in dem sie ihm rasch das doppelte Tempo unterschiebt.
Es geht stürmisch weiter mit „Rise Up“, auch wieder gut über 10 Minuten lang. Der Modus mit handclaps geht rhythmisch ins Spanische, das Sopransaxophon aber führt es thematisch ins Folkloristische, Richtung Bretagne. Hier ist das Gitarren-Solo dramaturgisch gut placiert, es bringt Ruhe ins Drama, bevor der Flug weitergeht.
„Adagia“ überbrückt als ein kurzes Zwischenspiel auf der akustischen Gitarre zu zwei langen Stücken im Cinemascope-Format und erneut Kantilenen (Sing)-Melodik. Die hohen, schnellen Perkussionsflächen darin  entstammen klar dem Arsenal von Metheny´s Orchestrion-Aufnahmen (er setzt das System ja auch hier ein).
Wer ist Chris Potter? Was macht er eigentlich saxophonistisch? Die Frage stellt sich insbesondere im Titelstück, wo er spielt, als hieße er Jan Garbarek.
„Born“ bringt Abkühlung wie eine Eric Clapton-Ballade. Die dramaturgische Funktion des folgende „Genealogy“, ganze 38 Sekunden lang, die nervöse Nachzeichnung eines Themas a la Ornette Coleman, bleibt unklar.
Wollte Pat Metheny quasi „mit dem kleinen Finger“ kundtun, dass die Band - ausser dem Jazzrock hier - auch ganz anders könnte (was ohnehin niemand bezweifelt)?
Die beiden dramatischen Balladen, die dann noch folgen, wirken wie abgeschnitten vom großen Rest.
Die „Genealogy“ von Pat Metheny & Co. steht in jedem Jazz-Lexikon, sie ist - in diesem Kontext - nichts zum Klingen, sondern zum Nachlesen.

erstellt: 07.02.14
©Michael Rüsenberg, 2014. Alle Rechte vorbehalten