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BRAD MEHLDAU 10 Years Solo Live *********


CD 1 Dark/Light
01. Dream Brother (Jeff Buckley), 02. Blackbird (Lennon/McCartney), 03. Jigsaw Falling into Place (Yorke/Greenwood/Greenwood/SelwayO'Brien), 04. Meditation I – Lord Watch Over Me (Mehldau), 05. And I Love Her (Lennon/McCartney), 06. My Favorite Things (Rodgers/Hammerstein II), 07. This Here (Bobby Timmons)
CD 2 The Concert
01. Smells Like Teen Spirit (Kurt Cobain), 02. Waltz for J. B. (Brad Mehldau), 03. Get Happy (Arlen/Koehler), 04. I’m Old Fashioned (Kern/Mercer), 05. Teardrop (Marshall/Vowles/Del Naja/Fraser), 06. Meditation II – Love Meditation (Brad Mehldau), 07. Holland (Sufjan Stevens), 08. Knives Out (Radiohead)
CD 3 Intermezzo/Rückblick
01. Lost Chords (Brad Mehldau),02. Countdown (John Coltrane), 03. On the Street Where You Live (Loewe/Lerner), 04. Think of One (Monk), 05. Zingaro/Paris (Antônio Carlos Jobim), 06. John Boy (Brad Mehldau), 07. Intermezzo in B-flat major, Op. 76: No. 4 (Brahms) , 08. Junk (Paul McCartney), 09. Los Angeles II (Brad Mehldau), 10. Monk’s Mood (Monk) , 11. Knives Out (Radiohead)
CD 4 E Minor/E Major
01. La Mémoire et la Mer (Léo Ferré), 02. Bittersweet Symphony/Waterloo Sunset (Ashcroft/Keith Richards/Jagger/Ray Davies), 03. Intermezzo in E minor, Op. 119: No. 2 (Johannes Brahms), 04. Interstate Love Song (Kretz/DeLeo/Weiland/DeLeo), 05. Hey You (Roger Waters), 06. God Only Knows (Brian Wilson/Tony Asher)

Brad Mehldau - p
rec. 2004-2014
Warner/Nonesuch 075597950755

Solo-Veröffentlichungen von Brad Mehldau, 45, gab es auch schon zuvor. Nun legt er, auf 4 CDs bzw. 8 Lps, ein opus von über 300 Minuten Spielzeit vor - eine Art Quersumme aus 10 Jahren dieser Tätigkeit.
„Mit dieser Box sagt Brad Mehldau: Ich bin bereit für die Keith-Jarrett-Liga des Jazzpianos“.
Diese Intention, vom Spiegel (47/2015) dem Künstler unterstellt, ist einer der wenigen plausiblen aus der entsprechenden Rezension des Magazines.
Selbstverständlich bietet sich, schon quantitativ in mehrfacher Hinsicht, der Vergleich nicht mit Fred Hersch oder Hans Lüdemann an, sondern mit Keith Jarrett. Darauf wird noch einzugehen sein.
Mehldau selbst übrigens beschreibt seine Intention weitaus bescheidener, und zwar mit einem Satz, den durchaus auch Jarrett unterschreiben könnte. Es handele sich hier um „kurze Songs, die durch große expressive Gesten in ein größeres Format gedehnt werden.“
That´s right, Sir.
Im Gegensatz zu Jarrett sind aber weitaus weniger Eigenkompositionen darunter, mehr Standards, auch mehr „Klassik“ (ein Brahms würde bei Jarrett nicht Eingang in ein Solo-Recital finden, schon gar nicht „improvisatorisch“ verarbeitet) und viel mehr Pop, und zwar nicht älterer Pop in Form von Realbook-Standards, sondern Popsongs der letzten 40 Jahre.
Kann man sich vorstellen, dass Keith Jarrett die Kinks aufgriffe, die Beach Boys, Radiohead?
Nate Chinen in der New York Times unterläuft in diesem Zusammenhang ein interessanter Rechenfehler. Er schreibt: weil Mr. Mehldau zu einer Zeit Musiker wurde, als der Jazz vom Historismus „eingelullt“ war, habe er einen guten Teil seiner jugendlichen Energie darauf verwandt, dem einen oder anderen „Erbe“ zu entkommen.
„Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass seine Solo-Arbeiten nur sehr sparsam mit dem Jazz-Repertoire umgeht.“ (Chinen).
Sparsam? Allein vier tracks auf CD 3 sind klaren Jazz- bzw. Tin-Pan-Alley-Ursprungs, von 32 tracks insgesamt sind 8 den fraglichen Genrefeldern zuzuordnen - macht einen „Jazz“-Anteil von 25 Prozent.
cover mehldau 10Als „jazzigsten“ track nennt Chinen die Interpretation von Bobby Timmons´ „This here“ - und das ausgerechnet ist derjenige, wo Mehldau Jarrett am deutlichsten unterlegen ist.
Das Gospelige, das gerade diese Souljazz-Nummer verlangt, ist bei dem älteren eindeutig in den besseren Händen, das rollende staccato liegt Mehldau nicht - obwohl es ihm in „Interstate Love Song“ der Hardrock-Truppe Stone Temple Pilots dann doch vergleichsweise glückt.
In der rhythmischen Präzision scheint Keith Jarrett dem jüngeren überlegen, die hämmernden Achtel, die letzterer häufig einsetzt, verschwimmen leicht - aber, das muss nicht unbedingt als Manko durchgehen, das kann man durchaus als stilistische Eigenart von Brad Mehldau gutheißen. Im offenbar ewig attraktiven „Smells like Teen Spirit“ bleibt in dieser Hinsicht nichts zu vermissen.
(Es ist halt alles eine Frage der stilistischen Referenz.)
Ansonsten, bei aller Unterschiedlichkeit der Repertoires - in Fragen der Polyphonie, also der Unabhängigkeit von linker und rechter Spielhand, erscheint Brad Mehldau als ebenbürtig. Ja, polyphone Stimmführung macht den großen, großen Reiz dieser Kollektion aus.
„God only knows“ von den Beach Boys oder „Zingaro/Paris“ werden durch imposante Parcours geführt, den alten Standard „On the Street where you live“ legt er wie ein Requiem an, John Coltrane´s „Countdown“ rückt er in die Nähe von Bach.
Auch zu Monk hat Mehldau einen interessanten Dreh: „Think of One“ und „Monk´s Mood“ variieren in ihrer Nähe zum Stride Piano. Auch der Standard „Get happy“ bleibt davon nicht unberührt, ausgerechnet im Großen Saal des Mozarteums, Salzburg, swingt Mehldau im Oktober 2010 polyphon wie Hälle.

erstellt: 20.11.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten