Drucken

JOHN HOLLENBECK & FRANKFURT RADIO BIG BAND
Songs we like a lot ******

01. How can I keep from Singing (Lowry, Seeger, Plenn), 02. True Colors (Tom Kelly, Billy Steinberg), 03. Constant Conversation (Hollenbeck, Rumi), 04. Close to you (Bacharach, Hal David), 05. Get Lucky Manifesto (Hollenbeck, Ph. Williams, Nile Rodgers, de Homem-Christo, Bangalter), 06. The Snow is deep on the Ground (Hollenbeck, Patchen), 07. Up up and away (Jimmy Webb)

John Hollenbeck - arr, cond, perc (6), Theo Bleckmann - voc, Kate McGarry - voc, Uri Caine - p, org, Gary Versace - mel, org (3), Heinz-Dieter Sauerborn - ss, as, fl, Oliver Leicht - as, cl, fl, Steffen Weber - ss, ts, fl, bcl, Julian Argüelles - ss (3), Tony Lakatos - ss, ts, Rainer Heute - bs, bcl, cvl, Frank Wellert, Thomas Vogel, Martin Auer - tp, flh, Axel Schlosser - tp, flh (4), Günter Bollmann, Peter Feil - tb, Christian Jaksjø - tb, th, btp, Manfred Honetschläger - btb, Martin Scales - g, Thomas Heidepriem - b, Jean-Paul Hochstädter - dr, Claus Kiesselbach - mallets, timp

rec. 11.-13.08.2010 (3), 16.-19.09.2014
Sunnyside SSC 1339

Gegenüber dem sensationellen Vorgängeralbum liegt diesem ein Perspektivwechsel zu Grunde. Wurde die Auswahl damals durch den Projektleiter John Hollenbeck begründet („Songs I like a lot“), zeichnet nun offenkundig das große Kollektiv dafür verantwortlich.
Wer die beiden klingenden Resultate miteinander vergleicht, wird Unterschiede jenseits der Titelei aber nicht finden, Konzeption und Personal sind nahezu identisch, ein Stück („Constant Conversation“) steht aus der ersten Aufnahmestrecke 2010 über.
Trotz nahezu identischer Voraussetzungen aber sind beide Produktionen durchaus unterschiedlich zu bewerten.
Zwar zeigt John Hollenbeck erneut den ganzen Apparat seines gigantischen Arrangierhandwerks, wir hören wieder betörende Minimal-Patterns, wechselnde Metren, polyphone Schichtungen, und kommen zu keinem Moment auf die Idee, jemanden anders als Hollenbeck hinter diesem Zauber zu vermuten - „Songs we like a lot“ aber trägt deutlich den Charakter eines Zweitlings.
Es tritt eben auch nichts anderes, Neues hinzu. Das mag auch an den Vorlagen liegen - ein Argument, dem man insofern misstrauen muss, als John Hollenbeck noch jeden Brosamen in Edelgebäck zu verwandeln weiss.
cover Hollenbeck songs2Typisch dafür, wie er einen einfache Folk-Melodie von Pete Seeger auffächert, indem er ihren Tonvorrat erst mal in einer 8-Ton-Reihe durch Piano und Vibraphon exponiert. Sie taucht dann weitere vier Male auf (als 10-, 9-, 8- und wiederum 10-Ton-Reihe), um hernach von den Bläsern aufgegriffen und in eine polyphone Architektur überführt zu werden.
Einzelne Teile daraus purzeln zum Schluss auf ein 6/4 vamp als Coda, ein eigenes Kunststück für sich.
Überhaupt die Codas in seinen Arrangements; Hollenbeck lässt auch in Cindy Lauper´s „True Colors“ die Bläser zum Schluß darin verschwimmen, ähnlich in Burt Bacharach´s „Close to you“ ein geradezu ätherischer Minimalismus in der Coda.
Ja, John Hollenbeck malt in Pastell dort, wo andere gerne dick auftragen, die Big Band in seiner Regie produziert wenig Brausewind, sondern markiert akustische Räume, die in ihrer Vielgestaltigkeit erst mal erschlossen werden wollen.
Dass sich dabei Respekt & Vergnügen, aber nicht Begeisterung wie beim ersten Album einstellen, liegt an der Gewöhnung auch an das Opulente und ja, vielleicht doch auch an der Stückeauswahl.
Der tiefste Griff in die Popkiste hier, ein Amalgam aus „Get Lucky“ von Daft Punk und „Happy“ von Pharell Williams, fällt ähnlich kurzatmig aus dem Rahmen wie „Bicycle Race“ von Queen damals.
Und einen Text von Kenneth Patchen (hier in „The Snow is Deep on the Ground“) hat er früher mit seinem Claudia Quintet weitaus packender in Szene gesetzt (damals mit dem hervorragend rezitierenden Kurt Elling).
Im Finale läuft Hollenbeck wieder groß auf, wieder machte er aus einem Fast-Nichts (dem 1968er Grammy-Gewinner „Up Up and Away“, gesunden von 5th Dimension, wiederum geschrieben von Jimmy Webb) ein komplexes Kunstwerk.
Als Brausewind verwendet er hier ein 3-Töne-vamp, das er immer wieder umstellt, um der luftigen Melodei in die Parade zu fahren, inklusive alt-europäischer Rezepte wie Kanon, accelerando, ritardando.
Wahnsinn!

erstellt: 22.10.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten