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MARCUS MILLER Afrodeezia ****

01. Hylife (Marcus Miller), 02. B´River, 03. Preacher´s Kid (Miller, Wade), 04. We were there (Djavan, Miller), 05. Papa was a Rolling Stone (Strong, Whitfield), 06. I still believe I hear (Bizet), 07. Son of Macbeth (Miller), 08. Prism (Miller, Wiliams, Hogangs, Cato, Agati, Han), 09. Xtraordinary (Miller), 10. Water Dancer, 11. I can´t breathe (Miller, Chuck D., Dornblum)

Marcus Miller - b, bg, gimbri, bcl, p, synth, Louis Cato - dr, djembe (6), dr-machine (8), Lee Hogans - tp, Brett Williams - p ep, Alex Han - ss, as, Adam Agati - g, Etienne Charles, Patches Stewart - tp, Ambrose Akinmusire - tp (9), Alune Wade, Lalah Hathaway - voc, Adama Bilorou Dembele - perc, Guimba Kouyate - g, voc, Cherif Soumano - kora, voc, Cory Henry, Cliff Barnes - org  , Robert Glasper - ep (4), Keb´Mo - g (5), Wah Wah Watson - g (5), Ben Hong - vc (6), Marco Lobo, Munyungo Jackson - perc , Lamumba Henry - djembe (9), Michael Doucet - v, Roddie Romero - acc, Chuck D - voc (11), Mocean Worker - g, bg, ep, progr (11)

rec. 2014 (?)
Universal/Blue Note 06025 4721441

„Afrodeezia“ führt nach ... Afrika, aber auch nach Brasilien, Mali und Senegal - und in die französische Oper des 19. Jahrhunderts.
„Afrodeezia“ ist ein Album mit ideologischem heavy load („Die Kraft der Musik ist grenzenlos. Durch Spirituals, Jazz und Soul konnten wir unsere Geschichte überliefern, weil alle anderen Erinnerungen ausgelöscht worden waren“; sounds like Berliner Jazzmanufaktur, doesn´t it?).
„Afrodeezia“ ist ein Album von geringem ästhetischen Ertrag. Es klingt, als sei der Unesco Artist for Piece, der er seit 2013 ist, mit einer Art Papamobil durch die Lande gereist: vieles sehen, aber nur wenig durch die getönten Scheiben durchfluten lassen.
Man könnte sich auch einen Hollywood-Regisseur vorstellen, der auf seiner Safri im klimatisierten Van lauter Sonnenuntergänge aufnimmt.
Dieses happy go lucky-Aufsaugen von Exotika hat etwas geradezu Klinisches - klingt aber toll. Das muss man schon sagen.
cover miller afrodeeziaSchon der opener „Hylife“, der natürlich in den west-afrikanischen HighLife führt, groovt, wie es nur eine Band unter Leitung von Marcus Miller vermag. Ein wenig Kora-Geplänkel klingt mit - alles super clean.
Komischerweise klingt´s dort, wo es mal richtig „dreckig“ zugehen soll, in den 30 Sekunden von „Prism“, wiederum so, als sei die Aufnahmedatei ins Wasser gefallen. Von diesem schleppendem TripHop-vamp hätte man gerne mehr gehört, denn die Grooves hier sind handwerklich erste Sahne.
Sie transportieren aber nur allerlei Chi-Chi: einen Soul-Walzer („Preacher´s Kid“), eine La-la-la-Samba („We were there“), einen alten Soul-Klassiker („Papa was a Rolling Stone“). Dessen Basslinie stamme von Bob Babbitt (1937-2012), einem Sohn ungarischer Roma, verrät Miller der Wiener Presse, um allen Ernstes anzufügen:
„Man sieht, bei Labels wie Motown gab es auch in der spannungsgeladenen Zeit der Bürgerrechtsbewegung keinerlei Rassismus“.
(Das Hohe Lied der Bürgerrechtsbewegung wird im Jazz so gedankenlos heruntergebetet wie andernorts das Vaterunser...)
Ein gnadenlos guter Groove unterliegt auch „Water Dance“, er ist ternär, man kann ihn als 6/8 hören, der Meister slapt, was außer seinem rechten Daumen wohl kein zweiter aushält. Darüber, und auch in den zahlreichen breaks, wo die Rhythmusgruppe pausiert, erklingt eine Melodie, die seltsamerweise eher nach Oper klingt und sich von dem Afro-Gewusel darunter nur schwer abheben kann.
Da scheint immer mehr eine neue Liebe von Marcus Miller durch, die zum Europa des 19. Jahrhunderts. Ein paar tracks zuvor hat er die Arie „Je Crois Entendre Encore“ aus der Bizet-Oper „Die Perlenfischer“ von 1863 gespielt. Zunächst führt das Cello von Ben Hong die getragene Melodie aus, dann folgt Miller auf seiner Baßgitarre mit Pastorius´schem vibrato (was er seit Jahren immer wieder zitiert).
Ja, das kann man machen (so wie umgekehrt das Kronos Quartet Jimi Hendrix adaptieren kann), aber soviel Blauäugikeit, so einen triefenden Kitsch, würde man keinem europäischen Jazzmusiker durchgehen lassen.
Dafür könnten jene nie und nimmer den Groove von „I can´t breathe“ ausführen, er klingt wie von marokkanischen Kastagnetten und Gnawa-Wüstenbass (gimbri).

 

erstellt: 21.05.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten